• SPD-Parteitag: Die Genossen haben den Vorstand neu gemischt - Junge Gesichter drängen nach vorn

Berlin : SPD-Parteitag: Die Genossen haben den Vorstand neu gemischt - Junge Gesichter drängen nach vorn

Brigitte Grunert

Nach den 14 strapaziösen Stunden des SPD-Landesparteitages und zweimonatigen Personalkämpfen gab es glückliche und unglückliche Gesichter. Der neue und alte Landesvorsitzende Peter Strieder und einige seiner neuen Führungscrew gönnten sich eine nächtliche Entspannungsfeier. Oder war es eine Versöhnungsfeier für den "Neuanfang"? Auch jüngere Kreisfürsten, die wochenlang für Strieders Herausforderer Hermann Borghorst getrommelt hatten, waren mit von der Partie.

Die alten Flügel-Gruppen haben sich in den Personalkämpfen als gespalten, gelähmt und einflusslos erwiesen. "Netzwerk" nennt sich die junge Garde der SPD, die politisch noch keine Konturen gezeigt, aber vier der Ihren im 14-köpfigen Landesvorstand durchgeboxt hat, davon zwei Stellverteter Strieders: den 30-jährigen Historiker Sven Vollrath (Ost), einen politischen Ziehsohn und Referenten von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, und den 31-jährigen Kita-Erzieher Andreas Matthae, früher Kreisvorsitzender von Kreuzberg. Beide strahlten seit ihrer Wahl um die Wette. Matthae war nicht Strieders Favorit, denn er gehörte nach der Berliner Wahl zu den lautstarken Rebellen gegen die Neuauflage der Großen Koalition und zu den Strieder-Kritikern.

Auch der Altvordere Klaus Riebschläger strahlte glücklich; nicht nur rechte Freunde haben ihn gewählt. Erstmals seit 20 Jahren gehört der einstige Bau- und Finanzsenator wieder dem Geschäftsführenden Landesvorstand an. Anfang 1981 stürzte er mit dem Stobbe-Senat. Als Landeskassierer darf der Rechtsanwalt mit Wirtschaftskontakten nun die Finanzen der Partei sanieren; sie hat eine Million Mark Schulden.

Bitter enttäuscht verließ Stefan Grönebaum den Parteitag vor Schluss. "Diese Partei erträgt keinen Intellektuellen", meinte der 38-jährige Historiker vom linken Flügel, der bei allen Spitzen und fast allen Funktionären auf Ablehnung gestoßen war. Dies sei "nur noch eine Senatspartei", bequem für die CDU, kein Neuanfang: "Mit mir wäre es in der Koalition gefährlicher geworden." Strieder darf nachdenken, wie er Grönebaum und dessen Basis-Anhänger integriert.

Senator Strieder setzte sich, wie berichtet, im zweiten Wahlgang mit 176 : 123 Stimmen gegen Borghorst durch. Grönebaum war nach dem ersten Wahlgang ausgeschieden. Als stellvertretene Landesvorsitzende wurde Christine Bergmann mit 130 Stimmen wiedergewählt. Neue Stellvertreter sind Ex-Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing (219), Sven Vollrath (250) und Andreas Matthae (182). Hermann Borghorst kandidierte wie angekündigt nicht wieder, Grönebaum wollte "wegen Zweifeln an Strieders Führungsautorität" nicht. Riebschläger setzte sich mit 181 : 119 Stimmen gegen den von Strieder favorisierten Reinickendorfer linken Stadtrat Thomas Gaudszun (119) durch.

Die in mehreren Wahlgängen bestellten acht Beisitzer sind: Fraktionsassistentin Kerstin Raschke (203), die Abgeordneten Eveline Neumann (163), Karin Seidel-Kalmutzki (216) und Iris Spranger (198) sowie Christina Lindenberg (89), der frühere Juso-Chef Matthias Linnekugel (99), Köpenicks Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht (97), der Parlamentsvizepräsident und frühere Regierende Bürgermeister Walter Momper (96).

Damit sind im 14-köpfigen Landesvorstand sieben Frauen, je sieben aus Ost und West und fünf Mitglieder unter 40 Jahren vertreten. Strieder sprach von einer Stärkung des Vorstandes. Als Couragierteste und am meisten Respektierte gilt Annette Fugmann-Heesing, die auf dem Parteitag mehrfach vor den wichtigsten Entscheidungen ihre Genossen energisch ins Gebet nahm.

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