Berlin : SPD-Politiker streiten um Neubau am Hotel Estrel

Matthias Oloew

Senatorin Junge-Reyer will neue Läden verhindern, Bürgermeister Buschkowsky schäumt vor Wut

Zwischen Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer und Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (beide SPD) ist ein offener Streit ausgebrochen. Die Senatorin hat am Dienstag die Pläne des Bezirks durchkreuzt, den Bau eines zweiten Convention-Centers am Hotel Estrel durch Einzelhandelsflächen zu ermöglichen. Sie schrieb eine Weisung, dass statt der angedachten 12 500 Quadratmeter Ladenflächen nur 2500 Quadratmeter zu genehmigen seien. Ihr Argument: Die Ladenflächen am Hotel Estrel würden die Stellung der Läden an der Karl- Marx-Straße schwächen. Junge-Reyer: „Die Karl-Marx-Straße darf nicht sterben.“

Ihr Parteifreund Buschkowsky ist außer sich: „Damit wird das Projekt am Hotel Estrel auf dem Altar der Ideologie geopfert.“ Er wirft der Senatorin Doppelzüngigkeit vor: „Das ist nach den Ereignissen um die Rütli-Schule die Vorstellung davon, wie Neukölln alle erdenkliche Hilfe zukommen soll.“ Das Argument der Senatsverwaltung, die Karl-Marx-Straße schützen zu wollen, will er nicht akzeptieren: „Die Sonnenallee hat noch nie zum Einzugsgebiet der Karl-Marx-Straße gehört.“

Bisher sehen die Pläne für die Erweiterung des Hotels Estrel so aus: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein zweites Convention-Center geplant. In die 13 Meter hohe Halle, die 10 000 Personen fassen soll, und ein darunter liegendes Parkhaus mit 800 Stellplätzen will Julian Streletzki, der das Projekt federführend betreut, rund 80 Millionen Euro investieren. Das Geld geben die Banken nur, wenn es gleichzeitig langfristige Mietverträge gibt. Und die kommen, so die Investoren, nur über den Einzelhandel zustande. Deshalb sehen ihre Pläne in der untersten Etage des Neubaus an der Sonnenallee Läden auf einer Gesamtfläche von 12 500 Quadratmetern vor.

„Ohne die Ladenflächen ist das Projekt tot“, sagt Julian Streletzki, der auf die Entscheidung der Stadtentwicklungsverwaltung ähnlich fassungslos reagiert wie Bürgermeister Buschkowsky. „Über mehrere Jahre planen wir an diesem Projekt, und immer sind wir in dem Glauben gelassen worden, dass es klappt“, sagt Streletzky. Und: „Jetzt, kurz vor Baubeginn, wird alles über den Haufen geworfen.“

Gegen das Convention-Center hat die Stadtentwicklungssenatorin ausdrücklich nichts einzuwenden. Würden im Estrel Möbelmärkte einziehen, wäre das noch zu tolerieren, heißt es aus ihrer Verwaltung. Geplant ist aber ein SB-Kaufhaus, und das ziehe aufgrund seines Sortiments weitere Käufer von der Karl- Marx-Straße ab.

Heinz Buschkowsky ist außer sich. Er fragt: „Was will die Stadtentwicklungsverwaltung in der Karl-Marx-Straße denn noch schützen? Die 99-Cent-Läden? Die Rudis-Reste-Rampen?“ Ingeborg JungeReyer sieht das ganz anders: „Eine verödete Einkaufsstraße gefährdet die soziale Stabilität eines Bezirks genauso wie leerstehende Wohnungen.“ Sie will, statt neue Konkurrenz zuzulassen, neue Anstrengungen unternehmen, um das Bezirkszentrum Neuköllns zu erhalten. 200 000 Euro stellt sie in Aussicht, um eine Händlergemeinschaft zu initiieren, und stellt sich ein gemeinsames Marketing einheimischer Ladeninhaber mit den türkischen und arabischen Händlern vor.

Das Nein beim Estrel ist nicht das einzige. Auch der geplanten Erweiterung der Gropiuspassagen erteilte die Senatorin eine Absage.

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