• SPD-Schiffbruch im roten PDS-Meer - Die besten, die schlechtesten Stimmbezirke: 75-Prozent-Triumphe für Union und PDS, und die SPD wird Splitterpartei

Berlin : SPD-Schiffbruch im roten PDS-Meer - Die besten, die schlechtesten Stimmbezirke: 75-Prozent-Triumphe für Union und PDS, und die SPD wird Splitterpartei

Hans Toeppen

Achte Grundschule in Treptow, Hartriegelstraße 77, Raum 5. Hier ist es passiert. Der demokratische und vielleicht auch noch der undemokratische Sozialismus haben in Schulraum Nr. 5 eine Art postsozialistisches Wunder vollbracht: Nicht nur eine Zweidrittel- sondern sogar eine Dreiviertelmehrheit der Stimmen bei der letzten Wahl.

Raum 5 ist das Wahllokal des Stimmbezirks 55 in Treptow. 523 Menschen haben hier ihre Stimme abgegeben. Genau 393 kreuzten die PDS an, das sind 75,3 Prozent der Zweitstimmen. So enthält die Urne von Raum 5 die wohl größte Ballung an sozialistischem Wählerwillen der ganzen Stadt. Stimmbezirk 224 an der Wartenberger Straße in Hohenschönhausen war prozentual sogar noch ein bisschen stärker, 75,8 Prozent. Aber das waren nur 373 Stimmen von 502 . Wahlbezirk 55 in Treptow und 224 in Hohenschönhausen: Das jedenfalls waren die stärksten Bekenntnisse zu einer Partei in dieser Stadt.

Stimmbezirk 5 ist rot wie die röteste Nelke im Blumenladen. Natürlich PDS-Rot, denn mit der SPD hat Treptow 55 überhaupt nichts am Hut. Genau 28 Leute von 867 Wahlberechtigten haben im Bogen der Spree für die alte Sozialdemokratie votiert, das waren gerade 5,4 Prozent. Auch das ein Rekord. Berliner Minus-Rekord für die SPD.

Stimmbezirk 55: Oben auf der Karte fließt die Spree, unten der Verkehr der Oberspreestraße. In der Mitte rattert die S-Bahn, weshalb die Kleingartenanlage "Waldland" nicht ganz so ruhig ist, wie ihr Name verspricht. Sonst gehören noch die geraden Nummern der Johanna-Tesch-Straße dazu. Erklären kann man die feste Treptower Burg der Partei des Demokratischen Sozialismus nicht so leicht. Zwar ist Stimmbezirk 56 nebenan auch auf 70,9 Prozent gekommen, aber Stimmbezirk 54 (alle haben in derselben Schule gewählt!) bringt es nur auf 27,7 Prozent. Das hat dann auch gleich die SPD stärker gemacht: 24,8 Prozent.

Die Zahlen liegen jetzt im Statistischen Landesamt vor, und auch im Internet lassen sich die Ergebnisse für jeden der 2799 Stimmbezirke in Augenschein nehmen (www.statistik-berlin.de/wahlen). Ergebnis: Keiner kann mit Treptow und Hohenschönhausen konkurrieren. Auch die Christdemokraten an der Schmargendorfer Heydenstraße nicht, von der gesagt wird, dass man hier besonders gut Porsches begutachten kann. In der Kindertagesstätte an der Heydenstraße Nr. 9 im solidesten Teil des altschwarzen Wilmersdorf ist die CDU auf 71, 8 Prozent gekommen, ihr Landesrekord.

Allerdings ist der Porsche für die CDU längst nicht alles. Das hat sie spektakulär in Hellersdorf bewiesen, wo man eher nicht Zuffenhausener Sportwagen fährt. In der Urne des Kunsthauses Flora an der Florastraße lagen am Sonntagabend 43,8 Prozent CDU-Stimmen, womit bewiesen ist, dass schwarze Inseln im roten Ost-Meer entstanden sind. An der Florastraße hat die PDS mit 26 Prozent nur den Auspuff der CDU gesehen, um bei Autos zu bleiben. Profitiert davon hat, wie berichtet, der kaufmännische Lehrling Mario Czaja, der als Hellersdorfer CDU-Direktkandidat durchgekommen ist.

Über die SPD kann man bei diesen Zahlen spotten. Oder sie kann einem Leid tun. Ihr stärkstes Wahllokal an der Olbersstraße in Charlottenburg kam gerade einmal auf 33,3 Prozent der Stimmen. Das sind in dieser ihrer alten, westlichen Hochburg also weniger Prozente, als die Christdemokraten in einigen Ost-Berliner Urnen eingesammelt haben. Auch Steglitz hilft da nicht weiter. Klaus Böger rühmt sich zwar, das beste Direktkandidaten-Ergebnis seiner Partei erreicht zu haben, aber das waren in Steglitz auch nur rund 34 Prozent der Erststimmen. Die beste Zweit-Stimmen-Urne stand in der Kopernikus-Schule an der Lepsiusstraße, und das waren 33 Prozent.

Steglitz ist nichts Besonderes, Kreuzberg schon. Bis auf die Gegend um die Lobeck- und die Kochstraße ist der Bezirk historisch grünlich eingefärbt, mal ist er grüner, mal ist er das weniger. Geradezu grasfarben war am Sonntag aber die 1. Gesamtschule an der Schleiermacherstraße. 52,6 Prozent der Stimmen sind im Stimmbezirk 115 bei den Bündnisgrünen gelandet, ihr bestes Ergebnis. Die absolute Mehrheit.

Reihenweise hat allerdings auch die PDS in Kreuzberg zweistellige Ergebnisse eingefahren, das stärkste mit 18,3 Prozent an der Oranienstraße. Die 5-Prozent-Mauer ist längst durchbrochen, und das nicht nur in Kreuzberg. In der Urne an der auch nicht bürgerlichen Bülowstraße 35 in Schöneberg kamen die Sozialisten auf 12,8 Prozent.

Elf schafften sie auch an der Rostocker Straße in Tiergarten. Das ragt nicht nur weit aus der Tiergartener Umgebung heraus. Es korrespondiert auch vernehmlich mit dem anderen politischen Pol. An der Rostocker Straße, südlich des Großmarkts, haben viele Leute zeigen wollen, "was eine Harke ist". Die Republikaner kamen auf 9,2 Prozent, ihr zweitbestes Ergebnis. Das beste stammt aus Wedding. Im Stimmbezirk 85 an der Koloniestraße wurden 10,3 Prozent rechte Stimmen in der Urne gezählt. Nebenan an der Prinzenallee waren es 9,7. Der Wedding ist nicht mehr rot.

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