Berlin : SPD: Tod den Karteileichen

Brigitte Grunert

Vom erwartungsfrohen Neumitglied zur desillusionierten Karteileiche, die schließlich wegen längeren Beitragsrückstandes gestrichen wird - das ist keine ungewöhnliche "Parteikarriere". Jedenfalls sieht das ein Quintett junger Sozialdemokraten des Kreisverbandes Mitte so. Deshalb haben sie die Aktion "Welcome" auf die Beine gestellt, mit der man Neulingen helfen will, sich mit Lust zu engagieren und so in der Partei Wurzeln zu schlagen. Klar, dass die Berliner SPD neue Mitglieder braucht, vor allem junge. Fast 60 Prozent der 20 400 Genossen sind älter als 50 Jahre, ganze 1600 sind unter 30.

"Der Kreisvorstand unterstützt uns tatkräftig, seit er gemerkt hat, dass die Sache kein Windei ist", sagt der Initiator Jan Philipp von Röden. Überhaupt erregt die Idee von unten Aufsehen bis hin zur Bundesspitze. Ein bisschen Glück war allerdings auch dabei. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, in Mitte zu Hause, fungiert als Schirmherr. Kreisvorsitzender ist der Landesgeschäftsführer Ralf Wieland.

Der 28-jährige Sozialarbeiter und angehende Politikwissenschaftler von Röden kam 1997 aus Essen zum Studium nach Berlin. Zur SPD stieß er vor anderthalb Jahren auf dem Umweg über sein Engagement für ein kleines Kulturprojekt in seinem Wohnkiez in Moabit. Das brachte Kontakte zu Stadtrat Horst Porath und der SPD mit sich. Folglich fühlte er sich dann in der Partei nicht so fremd und verloren wie andere "Frischlinge". Doch auch von Röden empfand die üblichen Abteilungsversammlungen schnell als unattraktiv, geschlossene Gesellschaften, in denen viel gekungelt und endlos geredet wird. Auch mit dieser Erfahrung hat die "Welcome"-Idee zu tun. "Wenn ich schon Parteimitglied bin, will ich nicht bloß zum Stimmvieh gehören oder für ein Mandat buckeln, sondern richtig was tun", sagt von Röden.

Wie nimmt man die Neumitglieder an die Hand? Zunächst in Veranstaltungen mit Prominenten, die Einblicke in die Organisation, Geschichte und Programmatik der SPD vermitteln sollen. Selbst Altkanzler Helmut Schmidt macht mit. Zum Auftakt am 2. Mai, 19 Uhr, erzählt er im Willy-Brandt-Haus aus seinem Politikerleben. Prominenz muss sein. Die nächsten Kontaktabende sind mit Wolfgang Thierse, Generalsekretär Franz Müntefering, mit Landeschef Peter Strieder und Geschäftsführer Wieland terminiert.

Darüber hinaus sind kleine Mentoren- und Projektgruppen geplant. Erfahrene Genossen sollen den Neuen helfen, Kontakte zu finden und sich selbstbewusst einzureihen. Davon verspricht sich von Röden auch "frischen Wind", wo "Mief" ist. "Eine kniffelige Aufgabe", gibt er zu: "Ich bin vorsichtig, es ist ein Pilotprojekt." Gewisse Störfeuer hat er bemerkt: "Die Jusos zum Beispiel halten die Umwerbung junger Leute für ihr originäres Recht. Aber die halten sich bloß mit Sandkastenspielen auf, und damit lockt man keinen hinter dem Computer hervor."

Wie wichtig werbende Förderung ist, zeigen die Zahlen. Von 1998 bis 2000 hatte die SPD Berlin knapp 2000 Zugänge (Zuzüge und Eintritte), aber rund 3500 Abgänge, davon allein 2100 Austritte, die übrigen durch Tod und Wegzüge.

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