Berlin : SPD und PDS: Annäherung findet statt - theoretisch

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Manchmal soll es vorkommen, dass sich Theorie und Praxis unterscheiden. Für den Sozialdemokraten Thomas Meyer sah die Praxis am Donnerstagabend so aus: In einem Friedrichshainer Plattenbau mit ruckelnden DDR-Fahrstühlen warteten 150 Menschen auf seinen Auftritt. Die PDS-Basis wollte mit dem Vizechef der SPD-Grundwertekommission über das Parteiprogramm der Sozialisten diskutieren. Doch angesichts der bevorstehenden Neuwahlen ging es um Größeres: die theoretischen Gemeinsamkeiten zwischen SPD und PDS. Meyers Analyse: "Die PDS präsentiert sich als demokratische Rechtsstaatspartei." Reicht das in der Praxis für eine rot-rote Koalition? Von der Parteibasis bis hin zur Bundestagsfraktion wird diskutiert, ob ein Bündnis ein Sündenfall wäre oder nicht.

Den SPD-Bundestagsabgeordneten Markus Meckel amüsiert die Debatte nicht. "Das Gerede von der Normalisierung schadet der SPD", sagte er am Freitag dem Tagesspiegel. Meckel, der den parteiinternen Gesprächskreis "Neue Mitte" vertritt, stellt sich damit klar gegen seinen Generalsekretär Franz Müntefering. Der hatte erklärt, die Sozialisten hätten sich in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern als koalitionsfähig erwiesen. "Die PDS kann nur eine Notlösung sein", beharrt Meckel. Sie sei keine normale Partei, eine Kooperation verlängere ihr Leben und schade der SPD. Doch eine rot-rote Koalition kann auch er nicht ausschließen.

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Fototour: Die Bilder der Krise An der Basis, gerade im Ostteil Berlins, macht sich Unsicherheit breit. Martin Gutzeit, Mitbegründer der Ost-SPD und heute Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen, spürt, dass viele Parteifreunde "nicht mehr genau hinschauen, wenn es um die PDS geht". Plötzlich tauchten wieder Begriffe wie Versöhnung und Frieden im Wortschatz der Kollegen auf - Begriffe, die wegen ihrer sozialistischen Umdeutung lange in der SPD verpönt waren. Seit dem Mauerfall haben SED-Opfer und von Kommunisten verfolgte Sozialdemokraten immer wieder den "antitotalitären Konsens" in der SPD angemahnt. Nun fürchten sie, dass ihr Ruf ungehört verhallt. Die Parteiführung hat offenbar genug von den Klagen. Angesichts der Berliner Regierungskrise schwenkte selbst Gerhard Schröder um. Der Kanzler, der noch vor zwei Jahren verkündete, er wolle auf nationaler Ebene "nicht mit der PDS gesehen werden", geht mit PDS-Größen zum Essen aus. Der hauptstädtischen SPD hat er eine freie Wahl des Koalitionspartners zugesichert. Doch für Gutzeit gibt es nur zwei Möglichkeiten: "Entweder man ist konsequent oder nicht." Konsequent heißt: die SED-Nachfolger bleiben tabu.

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