Berlin : SPD und PDS: Wenn der Walter und der Gregor über den Mittelstand plaudern

Brigitte Grunert

Walter Momper kann sich leisten, was sich andere in der SPD nicht oder doch nicht so auffallend leisten mögen. Der Parlamentsvizepräsident und Ex-Regierende schmiedet nach Kräften ein heißes Eisen: die Normalisierung der Beziehungen von SPD und PDS. Im Hotel Palace am Europa Center empfing Momper gestern Abend Gregor Gysi als Ehrengast zum "Business Dinner" seines Vereins "Berliner Wirtschaftsgespräche". Gäste aus Wirtschaft und Wissenschaft sind mit 90 Mark dabei. Auch viel Presse ist da. Von den SPD-Spitzen lässt sich niemand blicken, weder Parteichef Senator Peter Strieder noch Fraktionschef Klaus Wowereit noch Bürgermeister Klaus Böger.

Die PDS als "politischer Gegner" und vielleicht möglicher Koalitionspartner 2004 - Momper stellt neuerdings immerfort Bedingungen: eindeutige Distanzierung der PDS von der Gewaltherrschaft der SED, eindeutiges Bekenntnis der PDS zur Bundesrepublik. Das erinnert an die "Essentials", die sich Momper weiland von den Grünen unterschreiben ließ, bevor der rot-grüne Senat gebildet wurde. Doch davon ist an diesem Abend nicht die Rede. Man fällt nicht mit der Tür ins Haus.

Momper stellt erst einmal klar, dass "heute Abend nicht die Koalitionsgespräche" sind, "es ist schlichte Normalisierung, etwas ganz Alltägliches, zu erfahren, wie die PDS über die eine oder andere Frage denkt". Das soll "die Weitsicht fördern". Überhaupt sei der Verein "Berliner Wirtschaftsgespräche" überparteilich, "wenn auch sozialdemokratisch eingefärbt". Aber Momper weisst darauf hin, dass Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU) auch schon da war. Mehr sagt Momper nicht, er kriegt den Mund nicht auf. Beinahe wäre er fort geblieben, die dicke Backe will nach einer Kieferoperation am Freitag nicht abschwellen.

Dafür versprüht Gysi, bevor man zu Tische geht, ein rhethorisches Feuerwerk. Eine Stunde redet er, und eine Stunde wird diskutiert - tatsächlich über Fragen, die den Mittelstand interessieren. Doch zunächst plaudert Gysi, wie man es von ihm in Talkshows gewohnt ist. Er kennt nur Konkurrenten und Gegner, keine Feinde, außer natürlich Rechtsextremisten und Rassisten.

Zehn Jahre Einheit: Gysi redet über Frustrationen in Ost- und West-Berlin, er hält sich lange bei den Enttäuschungen der zur Mauerzeit gehätschelten West-Berliner auf. Seit der Wende seien sie die einzigen, deren Einkommenssituation sich verschlechtert habe. Im Osten dagegen lauter gedemütigte Eliten, die nicht mehr gebraucht wurden. Deshalb fühlten sie sich so zur PDS hingezogen. Gysi hält ein flammendes Plädoyer für die wirkliche Wiedervereinigung, "den Abbau des Kalten Krieges in den Köpfen". Der Senat habe gar für Investitionen im Osten "ganze Teile West-Berlins regelrecht verkommen lassen". Die Bundesregierung bekommt auch ihr Fett. Sie soll gefälligst mehr tun für Investitionen in Dienstleistungen, Wissenschaft, Forschung, Innovation und natürlich Kultur. Die Stadt sei mit ihren Staatsbühnen überfordert.

Gysi findet kein Ende. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Und die Pflege des Mittelstandes, wie sie sein müsste, hört das Publikum gern von ihm. Als ihm vorgehalten wird, dass die PDS vom SPD-Programm abgeschrieben habe, lacht er entwaffnend: "Was kann ich dafür, wenn ihr eure guten Ideen nicht realisiert?"

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