SPD : Wowereit würfelt für Steinmeier

Die SPD macht Wahlkampf am Potsdamer Platz: Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit wirkt sonnig und entspannt. Der Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier erreicht indes fast schrödersches Niveau.

Bernd Matthies
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SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier und der Regierende Bürgermeister Wowereit stellten den Wahlkampfwürfel am Potsdamer Platz vor. -Foto: Davids/Tantussi

Das Ding, um das es geht an diesem Spätnachmittag, befindet sich am Potsdamer Platz, dort, wo im Winter immer die Rodelbahn steht. Der SPD-Wahlwürfel! Die roten Planen drumherum flattern und bocken im Wind, als wüte King Kong drunter, unten stemmen sich Ordner gegen die vorzeitige Enthüllung. Erst muss der Chef sein Okay geben, aber wo bleibt er? Wahlkreiskandidatin Eva Högl teilt aufgekratzt mit, die Spannung steige. Nur weiß niemand so recht, um welche Spannung es sich handeln könnte. Die, ob Steinmeier auch wirklich kommt? Musik, bitte.

Dann endlich reist Steinmeier, nix Dienstwagen, auf dem Oberdeck eines knallroten Doppeldeckers an, lässt sich auf Gehsteigniveau hinunter und betritt zusammen mit sämtlichen Berliner Wahlkreiskandidaten die Bühne. Als Anheizer muss Klaus Wowereit in die Bütt, er verfertigt seine Sätze so sonnig entspannt wie immer. Das fetzt nicht richtig, es ist ja auch nicht seine Wahl, und es macht ihn sicher niemand persönlich verantwortlich, wenn seine Erwartung, die SPD werde die Wahl gewinnen, am Ende nicht zutrifft.

Dann packt der Außenminister zu. Er ist auf den rundlichen Wahlkampf-Logos, die ein wenig an Joghurtbecher erinnern, zu „fw steinmeier“ geschrumpft, das ist kunstvolle Verknappung, und er hat auch seine Redekultur dem Anlass angemessen geschärft. Die Obertöne haben schon den richtigen schröderesken Anspannungsgrad, die Stimme stemmt sich in den politischen Gegenwind wie ein Anker in die Strömung, da steckt die volle Wahlpower drin. Die Sätze kommen mit der größtmöglichen Härte, die die Koalition verträgt – und an die Lawine von Schlafwagen-Metaphern werden wir uns schon noch gewöhnen. So zum Beispiel an die hier: „Wer meint, im Schlafwagen am 27. September zum Erfolg zu kommen, der wacht auch danach nicht auf!“ Ein Drittel der Zuschauer klatscht, das sind die Sympathisanten, ein Drittel klatscht nicht, das sind die Journalisten. Das dritte Drittel, die Touristen, entscheidet von Fall zu Fall; die Rede ist kurz, was man halt so sagt, wenn die Leute stehen müssen.

Dann ist der Würfel dran, die Plane fällt. Wie soll man ihn beschreiben? Oben trägt er vier Plakatwände, von denen eine den Kanzlerkandidaten zeigt, die anderen drei sind sparsam mit Parolen in rot bedeckt, am Rand sendet ein Textband die Kernüberzeugungen der SPD in die Stadt. Nach unten steckt der Würfel mittig in einem Info-Stand, der den Sanitätsbedarf des Wahlkämpfers offeriert, T-Shirts, Aufkleber, Taschen, Anstecker, Silikonarmbänder – der Starterset für 15 Euro enthält das Wichtigste. Dann wird fotografiert, die Leute zerstreuen sich, der Kandidat entschwindet. Musik! Bernd Matthies

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