SPENDENAKTION : Ein großer Gewinn

Tagesspiegel-Leser spendeten 263 000 Euro. Davon profitieren die soziale Stadt und ihre Menschen.

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Spaß, Senf, Socken und Stern. „MUT“ heißt die Obdachloseneinrichtung, in der dieses Foto aufgenommen wurde. Tagesspiegelleser haben 4500 Euro gespendet, davon wurden Kleidung und Lebensmittelvorräte angeschafft. Wenn man das Bild so ansieht, wirken die Drei, als hätte man ihnen Mut gemacht. Fotos: Kitty Kleist-Heinrich
Spaß, Senf, Socken und Stern. „MUT“ heißt die Obdachloseneinrichtung, in der dieses Foto aufgenommen wurde. Tagesspiegelleser...

Ein stolzes Ergebnis: Die Leserinnen, Leser und Internetnutzer des Tagesspiegels haben bei der 19. Weihnachtsspendenaktion „Menschen helfen 2011/12“ insgesamt 263 000 Euro gespendet. Das Geld übergab unser Spendenverein im März an die Vertreter der ausgewählten 59 Vereine und Initiativen vor allem in Berlin und Brandenburg. Bevor unsere Jubiläumsspendenaktion am 1. Advent startet, geben wir hier einen kleinen Einblick, was Ihre Spenden zuletzt alles bewirkt haben: unglaublich viel Positives.

RAUS AUS DEM ABSEITS

Zwei junge Frauen mit Migrationshintergrund machen vor, wie man als Newcomer mit guten Ideen viel bewegen kann. Soziales Lernen beim Fußballtraining, individuelles Lerncoaching und pragmatische Berufsorientierung verbinden Sinem Turac und Gloria Amuroso mit ihrem Integrationsverein „Kein Abseits! e. V.“. Sechs- bis sechzehnjährige Schüler mit Einwanderungsgeschichte werden dort von jugendlichen Mentoren unterstützt. Dank der 4000 Euro der Tagesspiegel-Leser konnten die ehrenamtlichen, berufstätigen Organisatorinnen unter anderem ein Büro beziehen und ausstatten und die ehrenamtlichen Mentoren schulen. 2011 wurden 35 Kinder gefördert, 2012 waren es schon 45 Schüler der Charlottenburger Reinhold-Otto-Grundschule und der Reinickendorfer Marc-Twain-Grundschule. „Auch in ideeller Hinsicht haben wir von Ihrer Anerkennung profitiert“, schreiben Amuroso und Turac. Jetzt suchen sie Spender für Mikroskope, Fernrohre, Lupen und Eintrittskarten für ihr neues Projekt zu naturkundlichem und nachhaltigem Lernen (Kontakt: www.kein-abseits.de).

BEZAUBERNDE MUSIK

Da musste der Mann über 80 Jahre alt werden, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen: Ein Musikinstrument zu spielen. Die Rede ist von einem der Bewohner des Pflegewohnheims des Elisabeth-Diakoniewerks Niederschönhausen. Mit 3700 Euro Spenden konnten dort fünf Veeh-Harfen samt Zubehör und Noten gekauft werden. Jetzt trifft sich ein Veeh-Harfen-Ensemble wöchentlich zur Probe mit Musiktherapeutin Martina Zahn. Sie freut sich darüber, dass sich sogar die Pflegedienstleiterin jetzt eine Harfe gekauft hat und sich Angehörige gegenseitig diese Instrumente schenken. Die alten Leute sind begeistert, und alle danken den Lesern für die „zukunftsweisende und freudenstiftende Projektfinanzierung“. Bei Auftritten wird das Ensemble beklatscht – und Martina Zahn bildet jetzt in Kursen Mitarbeiter anderer Einrichtungen zu Veeh-Harfen weiter.

BROKKOLI UND BESTÄTIGUNG

80 Mal waren sie einkaufen: Pfirsiche und Fischstäbchen, Schattenmorellen und Tortiglioni, Gouda und Mais, Eisbergsalat, Brokkoli, Weintrauben, Strauchtomaten und Chicken Wings. 80 Kassenbons über insgesamt 1358,59 Euro sammelten die Organisatoren des Projekts „Kiez Kids“ des Vereins „Teen Challenge Berlin“. Das Geld hatten Tagesspiegel-Leser dem Verein gespendet, damit er weiterhin dreimal pro Woche 15 bis 20 Kinder durchfüttern kann: Fünf- bis Zehnjährige aus schwierigen Familien, in denen es zu Hause meist nur Fast Food oder Nudeln mit Ketchup gibt – und manchmal nicht mal einen Esstisch. Durch die gemeinsamen Mittagessen will der Verein ihnen vor allem ein geregeltes Miteinander beibringen und Stabilität und Bestätigung vermitteln.

EIN ZUHAUSE FÜR ALLE

„Wir wollen eine Wahlfamilie sein und jede Familie braucht ein Zuhause. Hier haben wir eines gefunden“, sagt Marcel Ehrlich, der den Verein „Kontakte schaffen Leben“ mitgegründet hat. „Hier“ ist eine ehemalige Wäscherei im Erdgeschoss eines Hochhauses am Spandauer Damm 233 in Westend. Dass der Verein Kaution, Umbau und Miete bis Ende 2014 bezahlen kann, verdankt er den Spenden der Tagesspiegel-Leser. Die „Wahlfamilie“ besteht aus rund 30 Behinderten, älteren Menschen, Alleinerziehenden, die sich gegenseitig helfen – und sogenannten Alltagsengeln, die sich intensiv um jeweils einen Hilfebedürftigen kümmern. Mittwochs essen „Familienmitglieder“ gemeinsam Mittag, Sonntagnachmittag gibt’s Kaffeeklatsch (Tel. 85 97 20 57). Am 15. Dezember steht das „Zuhause“ auf der Besuchsliste der Aktion „Berlin Christmas Biketour“: Dann bringen Motorradweihnachtsmänner Geschenke in soziale Einrichtungen.

SILBERSTREIF AM HORIZONT

Wer in eine der 14 Selbsthilfegruppen der „Silberstreif Krisendienste für Frauen“ kommt, hat „große seelische Schmerzen“, sagt Karin Blena, die den Verein mitgegründet hat. Es sind meist Frauen im mittleren Alter, die jung geheiratet haben und nach 20 oder 30 Jahren Ehe plötzlich von ihrem Mann verlassen wurden. „Die Einsamkeit und der Schock sind die Hauptprobleme“, sagt Blena. „Bei uns heulen die Frauen das erste Jahr, das zweite sind sie wütend und im dritten fassen sie wieder Fuß. Wir verhindern schwere Depressionen.“ Der Verein finanziert sich nur durch Spenden. „Die laufenden Kosten sind ein großes Problem“, sagt Blena. 372,67 Euro kostet monatlich die Miete für die Räume an der Bergmannstraße 28. Von Januar bis Oktober 2012 kam das Geld dafür aus der Tagesspiegel-Spendenaktion. „Das war eine große, große, große Hilfe“, sagt Blena. Jetzt zahlt sie die Miete wieder gemeinsam mit den Vorstandsmitgliedern – und hofft, bald eine andere Finanzierung zu finden.

SCHÖNE FERIEN

Die Oster-, die Sommer- und die Herbstferien waren gesichert: Osterkörbe basteln, Malen, Holzbrettchen gravieren, Jojos bauen – und ein vegetarische Mittagessen kochen und essen. Mehr als 200 Kinder waren bei jedem der Ferienprogramme im Mehrgenerationenhaus „Lückeprojekt Treffpunkt“ der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde in Spandau dabei. 3000 Euro hatten Tagesspiegel-Leser gespendet, damit die Programme organisiert werden konnten. Vor allem die Lebensmittel fürs vegetarische Kochen wurden davon bezahlt. „Die Spendenmittel reichen noch für weitere vier bis fünf Monate, was uns sehr freut“, schreibt die Sozialpädagogin Eva Kevenhörster. Die nächsten Ferien können also kommen.

SOCKEN FÜR WUNDE FÜSSE

Viele Obdachlose, die in die Einrichtung der „Mut Gesellschaft für Gesundheit mbH“ kommen, haben Fußprobleme. Deshalb seien „passende Socken“ besonders wichtig, heißt es bei „Mut“. 4500 Euro hatten Tagesspiegel-Leser für „Mut“ gespendet. Davon wurden unter anderem Socken, aber auch Unterwäsche gekauft. Und Arbeitskleidung für die ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Küche – zweimal täglich bekommen Obdachlose dort eine Mahlzeit. Von den Spenden wurde auch das Lebensmittellager mehrmals aufgestockt. Noch ist etwas übrig – davon will die Einrichtung Gebäck, Kaffee und Schokolade für die Weihnachtsfeier am 12. Dezember kaufen. Auch die Malteser Migrantenmedizin kümmert sich um Obdachlose. Dort werden sie medizinisch behandelt, wenn sie keine Krankenversicherung haben. 10 000 Euro spendeten Tagesspiegel-Leser dafür, die für Impfstoffe, Medikamente und Zahnbehandlungen ausgegeben wurden.

MOBIL MIT MOTOR

Ein großes Auto voller Spielmöglichkeiten fährt oft vor Horten in Friedrichshain-Kreuzberg vor: Der Fahrer baut dann für einige Stunden etwa eine drei Meter lange Schaukelbrücke auf oder ein Reck. Das Auto ist eines der beiden „Spielmobile“ des Vereins „Spielwagen 1035“. Dank der Spenden der Tagesspiegel-Leser wurde 2008 ein Wagen angeschafft – und konnte jetzt repariert werden. Die Außenspiegel wurden etwa erneuert und die Bremsen. Im Winter entwickeln ältere Kinder im Schülerklub „Die Mühle“ des Vereins neue Spielgeräte für die Wagen.

Auch der Verein „Hilfe für Jungs“ benötigt ein Auto, das mit den Spenden der Tagesspiegel-Aktion repariert werden konnte. Er ist auf ganz anderen Gebieten tätig: Das Auto wird etwa als Beratungsmobil für Jungen im Grundschulalter, die von sexueller Gewalt bedroht oder betroffen sind, verwendet. In dieser Funktion hält es auf Spielplätzen, vor Schulen und Jugendzentren. Abends und nachts ist es dann für ein anderes Projekt im Einsatz: Als Beratungs- und Arztmobil für Jungen und junge Männer in der Prostitution.

HILFE FÜR BRASILIEN UND KONGO

Tagesspiegel-Leserin Lisa Tembrink-Sorino hat 2004 mit ihrem Mann ihr Herz für Brasilien entdeckt, und die 36-jährige Charlottenburgerin hatte sich mit ihrer Brasilien-Hilfe „Casa do Fazer“ bei der Spendenaktion beworben. Solche privaten Projekte wählt der Spendenverein nur aus, wenn sie nachweisen können, dass sie erfolgreich, effizient und sicher im Ausland tätig sind. Lisa Tembrik-Sorino hat nun alle Nachweise abgeheftet und eingeschickt: Medikamente für kranke und arme Kinder haben Helfer vor Ort eingekauft, etwa in der Farmacia Pinheiro Lucena in Fortaleza, zum Beispiel Mittel gegen Läuse und Würmer. Auch ein Blutdruckmessgerät, Handschuhe und Antiseptika für Krankenschwester und Arzt konnten günstig in der Landeswährung Reais eingekauft werden. Eine kleine, große Hilfe mit 1500 Euro unserer Leser in den Medizinstationen in der Favela. „Alle waren vor Freude aus dem Häuschen“, sagt Lisa Tembrik-Sorino.

Außerhalb Europas konnte ebenfalls in Afrika geholfen werden: „Auch dank der Spende des Tagesspiegels können heute viele an Polio erkrankte Kinder im Kongo wieder laufen.“ Was für ein schöner Satz, den Anke Mattern-Nolte von der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH) in Bonn in ihrer Bilanz schrieb. Seit Jahren kooperieren DWHH und Tagesspiegel bei den Auslandshilfeprojekten, und die erfreuliche Bilanz von „Stand Proud“ lautet: „Mit ihrer Spende über 10 000 Euro konnten wir die Behandlung von neun Kindern durch professionelle Orthopäden in den Gesundheitszentren finanzieren sowie den Bau von rund 130 Prothesen ermöglichen. Vielen Dank für die großartige Unterstützung.“

Bilanzierung und Controlling im Tagesspiegel-Spendenverein: Christian-Ulrich Behring. Mitarbeit bei der Bilanz und Koorganisatorinnen: Judith Scapolo, Stefanie Dujardin-Sommer, Ricarda Obenauf.

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