Spendenaktion : Ein warmes Bett in der Not

In der „Krisenwohnung“ in Charlottenburg finden Drogenabhängige Hilfe. Achte Folge der Spendenaktion „Menschen helfen“.

Karin Schädler
Gut vorbereitet. Die Sozialarbeiter Oliver Speck (links) und Fabian Pitsch bleiben die ganze Nacht in der „Krisenwohnung“. Die Bewohner finden hier ein warmes Bett und Unterstützung. Ihre Gesichter wollen sie verbergen, um nicht erkannt zu werden. Foto: Mike Wolff
Gut vorbereitet. Die Sozialarbeiter Oliver Speck (links) und Fabian Pitsch bleiben die ganze Nacht in der „Krisenwohnung“. Die...

Es ist die größte Strafe, sagen sie: Wenn man nichts mehr spürt. Wenn nur noch das tägliche Elend und Gleichgültigkeit das Leben beherrschen. „Da stirbt man ab“, sagt Ralf*. Neben ihm sitzt die 25-jährige Sandy. Sie sagt: „Wenn man den Entzug geschafft hat, fängt man erst nach einer Weile wieder an, richtig zu fühlen.“ Irgendwann konnte sie sogar wegen eines traurigen Films wieder weinen.

Der Gemeinschaftsraum der „Krisenwohnung“ in Charlottenburg ist spärlich eingerichtet, aber warm und gemütlich. Ralf, Sandy und andere drogenabhängige Obdachlose finden in der Einrichtung des Vereins Drogennotdienst eine Übernachtungsmöglichkeit. Kommen darf nur, wer alle drei Tage die Beratung des Drogennotdienstes nutzt. Die Berater stellen Aufgaben: dass man sich zum Beispiel wieder bei der Krankenversicherung anmeldet, seine Ämtergänge erledigt.

„Wer sich darum kümmert, kann hier den Absprung schaffen“, sagt Thomas, der seit Jahren heroinsüchtig und wohnungslos ist. Fast alle, von denen er wisse, hätten es von der Krisenwohnung aus in die Therapie oder betreute Wohneinrichtungen geschafft. Vier Wochen haben die Bewohner Zeit – so lange darf man in der Krisenwohnung höchstens übernachten.

17 Schlafplätze gibt es in dem in die Jahre gekommenen Containerbau. „Zwei sind reserviert für Therapie-Abbrecher und Frauen in Notsituationen“, sagt Heike Krause, Sprecherin des Drogennotdienstes. Da die Bettwäsche täglich gewaschen werden müsse, sei der Verschleiß enorm. Um neue Matratzen, Bettwäsche und Laken kaufen zu können, hofft der Verein auf Spenden der Tagesspiegel-Leser. „Die Klienten können sich erst mit ihrer Sucht beschäftigen, wenn gewisse Grundbedürfnisse erfüllt sind“, sagt Krause. Warmes Essen, eine saubere Decke, Duschen und eine Ansprechperson seien sehr wichtig.

In der Krisenwohnung kümmern sich während der Nacht zwei studentische Hilfskräfte um die Bewohner. Fabian Pitsch und Oliver Speck studieren beide Soziale Arbeit in Berlin. „Es ist gut, wenn man im täglichen Leben kleine Hilfestellungen geben kann“, sagt Pitsch. Ab 19.30 Uhr dürfen die Bewohner kommen, um 7.30 Uhr müssen sie das Haus wieder verlassen. Es sei wichtig, dass etwa Heroinsüchtige nicht zusammen mit Alkoholabhängigen untergebracht werden, sagt Speck. „Die verstehen sich nicht gut.“ Alkohol mache eher aggressiv, Heroin ganz ruhig. Thomas sagt, viele Alkoholsüchtige fühlten sich als etwas Besseres. „Die bekommen gar nicht mit, dass sie süchtig sind, weil man ihre Droge legal im Supermarkt kaufen kann.“

Sandy übernachtet seit zwei Wochen in der Krisenwohnung. „Die wollen hier sehen, dass man es schafft“, sagt sie. Man werde gefragt, welche Ziele man habe. Die junge Frau stammt aus einer Stadt in Brandenburg. „Dort gibt es nur ein Obdachlosenheim, das war’s.“ In Berlin dagegen bekomme sie Hilfe. Die Krisenwohnung ist die einzige Übernachtungsmöglichkeit speziell für Drogenabhängige. Rainer, der sich gerade eine Zigarette dreht, sagt: „Das ist die sauberste Einrichtung, die ich kenne.“ So früh am Morgen geweckt zu werden, sei zwar schwer. „Aber man stellt sich darauf ein.“ Ebenso wie auf den fernsehfreien Abend am Montag. Der habe auch sein Gutes. „Dann spielen wir mal was“, sagt Sandy und liest die Anleitung vor.

*Namen der Bewohner geändert

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