Berlin : Spendenaktion für Obdachlose: Die kleinste Wärmestube Berlins hat Räder

Amory Burchard

Bahnhof Zoo, an der letzten Ecke. Am Ende der Jebenstraße stehen fünf frierende Gestalten. Ihre Rucksäcke werfen sie auf den Boden, einen Mischlingshund binden sie an einen Laternenpfahl. Sie treten von einem Fuß auf den anderen. Die jungen Männer und Frauen warten auf einen Bus - auf den Campingbus der Treberhilfe. Einmal pro Woche steuert die mobile Anlaufstelle für obdachlose Jugendliche den Bahnhof Zoo an. An diesem Abend kommt das weiße Wohnmobil eine halbe Stunde zu spät.

"Nicht angesprungen bei der Kälte", erklärt Sozialarbeiter Udo Krenzel. Seit sieben Jahren fahren er und seine Kollegen mit dem Bus täglich die Brennpunkte der Berliner Straßenkinder-Szene ab: Ostbahnhof, die Bahnhöfe Lichtenberg und Zoologischer Garten, Alexanderplatz und Kurfürstenstraße. Im Winter ist der Camper die kleinste Wärmestube Berlins: Auf die Bänke am Esstisch quetschen sich sechs Jugendliche, in die Schlafecke hinten im Bus vier, die Hände um Becher mit dampfendem Kaffee, Tee und Hühnerbrühe gelegt. Die Sitzkissen sind verschlissen, die Standheizung bullert hinten, während es vorne kalt bleibt. Bis vor kurzem sah es so aus, als ob die Treberhilfe weiter mit dem reparaturanfälligen Bus zurechtkommen muss. Jetzt gibt es Hoffnung: die Tagesspiegel-Spendenaktion. Ein neuer Bus oder zumindest ein gut erhaltener gebrauchter ist der größte Wunsch des Teams.

Ein Jugendlicher mit Stoppelhaaren kommt herein. Er bittet Streetworkerin Beate Jost um einen Kaffee. Die Streetworkerin blickt dem Jungen ins Gesicht und fragt: "Bist du zum ersten Mal hier?" Der Bus sei ein guter Ort für die Kontaktaufnahme, sagt Jost später. Beim ersten Besuch begrüßt sie die Neuen nur, fragt nicht viel. Wenn die jungen Obdachlosen, die in ihrem kurzen Leben nur schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht haben, ein paar Mal wiederkommen, "fangen sie von selber an zu reden." Der Junge mit den Stoppelhaaren will gleich etwas erzählen. Er sei nicht neu, sagt der 19-Jährige, bloß länger nicht dagewesen. Wahrscheinlich sind seine Haare gewachsen und seine Klamotten ordentlicher, seitdem er nicht mehr auf der Straße lebt. Vor ein paar Monaten hat er über das Sozialamt einen WG-Platz bekommen.

In der Schlafecke hockt eine junge Frau, die nicht so aussieht, als ob sie jemals zur Szene der Stricher und Fixer am Bahnhof Zoo gehört haben könnte. Sie trägt blonde Zöpfe und eine Goldrandbrille - und einen fünf Monate alten Säugling auf dem Arm. "Am Zoo haben sie mich Blondie genannt", sagt die 19-Jährige.

Jetzt heißt sie wieder Anja und lebt wieder in ihrer Geburtsstadt Potsdam. Aber nicht bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, vor denen sie 1997 davonlief. Eine Einzelfallhelferin von der Treberhilfe hat Anja, ihren Freund, einen ehemaligen Fixer, und die kleine Laura in einer Wohnung untergebracht. "Es ist toll, wenn es einen Ort gibt, wo sie einem zuhören", sagt Anja über den Bus der Treberhilfe.

Spendenaktion Tsp. e.V./Obdachlose, Konto-Nr. 8888 bei der Berliner Sparkasse (BLZ 100 500 00). Bei Überweisungen per Internet: Konto-Nr. 25 003 09 42 (Berliner Sparkasse). Die Namen der Spender werden veröffentlicht. Wenn Sie das nicht wünschen, bitte auf der Einzahlung vermerken ("kein Name"). Wer auf der Überweisung seine Adresse angibt, erhält eine Spendenbescheinigung.

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