Spendenaktion : Spielraum für ein neues Leben

Zwangsheirat oder Gewalt: Das Caritas-Frauenhaus bietet auch Kindern Schutz – und hofft auf Spenden

Daniela Martens
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Unter Schutz. Wenn Frauen mit ihren Kindern vor einem gewalttätigen Mann flüchten, können die Kleinen oft nicht mehr auf...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Hände mit den dunkelrot lackierten Nägeln umklammern die schneeweiße Tasse fest. Der Kaffee darin wird langsam kalt. Ebrus Gedanken sind gerade mit anderem beschäftigt. Aber es ist gut, dass sie etwas zum Festhalten hat. Während sich ihre kleine Tochter Aylin (Namen geändert) an ihr Knie schmiegt, erzählt die Endzwanzigerin leise und etwas stockend eine schreckliche Geschichte von einem Leben voller Schläge, Beleidigungen, Demütigungen. Eine Geschichte, die an diesem kalten Dezembertag auf dem roten Sofa in einem der Berliner Frauenhäuser der Caritas noch lange nicht zu Ende ist.

Rückkehr zum Ehemann ausgeschlossen

Seit einem Monat ist Ebru hier, zurzeit mit 23 anderen Frauen und 20 Kindern. „Hier im Frauenhaus kann ich endlich vernünftig denken“, sagt die dunkelhaarige Frau mit den großen silbernen Ohrringen. Vernünftig bedeutet: Sie weiß jetzt, dass sie ganz sicher nicht zu ihrem gewalttätigen Ehemann zurückkehren wird. „Man hat sich viel gefallen lassen“, sagt sie und vermeidet das persönlichere „ich“. Nur nicht ganz nah herankommen lassen. So hat sie es auch oft während ihrer Ehe gemacht. „Man hatte eben immer Hoffnung auf Reue und Besserung wie im Märchen. Und irgendwann machst du Augen und Ohren zu und denkst gar nicht mehr.“ Als sie mit Aylin schwanger war, glaubte sie eine Weile sogar, ihre Hoffnungen hätten sich erfüllt. Aber als das Kind auf der Welt war, begann alles von Neuem. Und doch brauchte sie noch mehrere Monate vom Entschluss den Ehemann zu verlassen, bis sie tatsächlich die Koffer packte.

Aylin ist noch so klein, dass sie nichts von dem versteht, was ihre Mutter erzählt. Sie quietscht fröhlich, Ebru wirft ihr ein Küsschen zu, versucht etwas weniger traurig zu gucken. „Jetzt bin ich eine gute Mutter, vorher war ich es nicht.“ Mit einem Vater aufzuwachsen, der die Mutter schlägt, sei wesentlich schlimmer, als ganz ohne groß zu werden. Das sei ihr irgendwann klar geworden. „Vor allem meine größere Tochter hat viel zu viel mitbekommen.“ Im Moment ist sie gerade im Kindergarten, demnächst will Ebru sie zu einer Psychotherapie anmelden. Und bis sie wieder ein richtiges Zuhause haben, sollen die beiden Mädchen im Frauenhaus wie die anderen Kinder hier „zur Ruhe kommen, entspannen und sich wohlfühlen“, sagt Gabriele Kriegs, die das Frauenhaus leitet. Im bunten, hellen Kinderbereich im Souterrain etwa, wo gerade eine Horde knie- bis hüfthoher Knirpse in lustigen Verkleidungen umhertollt. Oder auf dem Spielplatz im Garten. „Die Kinder können nicht einfach auf einen öffentlichen Spielplatz gehen. Das ist meistens viel zu gefährlich. Dort könnten sie den Vätern begegnen“, sagt Gabriele Kriegs.

Kaputtes Klettergerüst

Ebru ist jetzt mit Aylin in den Garten gegangen. Die Kleine läuft zwischen den Geräten umher. In einer Ecke steht das große hölzerne Schaukel- und Klettergerüst. Doch es ist morsch und voller Risse, an denen sich Kinder verletzen könnten. „Das nächste Mal kommt es nicht durch den Tüv und für ein neues haben wir kein Geld im Etat“, sagt Gabriele Kriegs. Dabei hätten sie doch „einen Riesendurchlauf an Kindern“, die Bewegung und Ablenkung bräuchten. Deshalb soll ein neues Gerüst mithilfe der Spendenaktion finanziert werden. Aylin hat unterdessen eine Plastikgabel gefunden, die irgendjemand hier vergessen hat und ist ganz begeistert von dem neuen Spielzeug. „Ich möchte, dass meine Töchter sich später nicht so gewalttätige Männer wie ihren Vater suchen“, sagt Ebru, während sie Aylin beim Spielen zusieht. Ihren Mann hat sie im Urlaub in der Türkei kennengelernt. Ihre Eltern, vor Ebrus Geburt aus der Türkei nach Berlin eingewandert, schlugen ihr vor, ihn zu heiraten. Das Paar zog in Ebrus Heimat Berlin zusammen. Sie hat einen deutschen Pass. „Aber auch, wenn ich ihn vor der Hochzeit nicht gut kannte, war es keine Zwangsheirat“, das ist Ebru wichtig.

„Anfangs habe ich die Schläge aus Liebe ertragen, später aus Angst.“ Lange erzählte sie weder Eltern noch Geschwistern davon. „Ich habe mich geschämt, dabei ist doch er es, der sich schämen muss.“ Ihre Schwiegermutter, die selbst vom Ehemann geschlagen worden sei, hätte es schon länger geahnt haben müssen. Als alles in der Familie herauskam, versuchte sie, Ebru zum Bleiben zu überreden: „Sie sagte, ich solle eine starke Frau sein, aber ich habe gesagt: Da bin ich lieber schwach“, sagt Ebru.

Ein Drittel der Frauen im Frauenhaus schaffe den endgültigen Schritt, sagt Gabriele Kriegs. Und es komme oft vor, dass er erst im zweiten Anlauf gelinge. Ebru wirkt, als könne sie es schaffen: „Ich will alles hinter mir lassen, nur noch nach vorn schauen. Und alles von ihm von mir abschütteln.“

Spendenkonto: Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse, Kto.-Nr.: 25 00 309 42, Blz.: 100 500 00. Bitte geben Sie Name und Anschrift für den Spendenbeleg an.

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