Spendenaktion : Viel bieten, nichts verlangen

Der Tagesspiegel startet erneut seine Spendenaktion. Bis Weihnachten stellen wir Ihnen 13 Projekte vor Heute: Der Klik-Kontaktladen kümmert sich um junge Menschen, die auf der Straße leben

Daniela Martens

Zwei große, dunkle Augen folgen der Flugbahn des Knochens. Schnapp, und er ist in Itz’ Maul gelandet. „Sie ist das Wichtigste, das ich habe“, sagt Carmen (Name geändert). Für einen kurzen Moment sieht die 19-Jährige fast glücklich aus – bevor ihre Miene wieder ganz ausdruckslos wird. Eine schützende Maske. Mit monotoner Stimme beginnt Carmen von sich zu erzählen: Als sie drei Jahre alt war, tötete sich ihre Mutter mit einer Überdosis Heroin. Sie wuchs bei ihrem drogensüchtigen Vater auf und war 11, als auch er starb. Drei Jahre lang hielt sie es in verschiedenen Heimen aus, doch mit 14 landete Carmen auf der Straße. Verbrachte die Tage in der Kälte, die Nächte in „ekligen Wohnungen“. Carmen sagt: „Besser als sich im Heim unterbuttern zu lassen.“

Als sie nach einem halben Jahr in den Klik-Kontaktladen für junge Menschen auf der Straße kam, war ihr Rippenfell entzündet, ebenso ihre Nieren, und sie hatte eine schwere Bronchitis. In der Einrichtung an der Turmstraße in Moabit konnte Carmen ihre Wäsche waschen, duschen, sich aufwärmen, für 50 Cent essen und sich etwas Warmes zum Anziehen geben lassen. Und die Mitarbeiter halfen Carmen, ihr Leben wieder in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken: Sie fanden eine Wohnung in einer betreuten Einrichtung und gingen mit zu den Behörden, um ihre finanzielle Situation zu klären. „Hier hat man mir zum ersten Mal geholfen, ohne mich unter Druck zu setzen“, sagt Carmen. „Und ich hatte das Gefühl, dass sich zum ersten Mal wirklich jemand für mich interessiert.“

Jetzt, fast fünf Jahre später, kommt Carmen immer noch hierher. In der Werkstatt lernt sie, Möbel für ihre Wohnung zu bauen. In den letzten Wochen hat sie jeden Tag hier gearbeitet, um in der Kleiderkammer, Küche und beim Saubermachen gerichtlich angeordnete Arbeitsstunden abzuleisten. Warum will sie nicht verraten. „Kleinigkeiten, das Übliche“, sagt sie achselzuckend.

Die meisten hier würden ihre Geldstrafen fürs Schwarzfahren abarbeiten, sagt Klik-Mitarbeiterin Alexandra Post. Oft werden die Jugendlichen bereits wieder beim Schwarzfahren erwischt, wenn sie auf dem Weg zu ihren Arbeitsstunden im Kontaktladen sind. Eine Monatskarte hat fast niemand. „Wir würden gern dafür einen Mobilitätsfonds einrichten“, sagt Post. Aber viel wichtiger seien: Lebensmittel, Verbandsmaterial, Waschmittel, Ersatz für die stark beanspruchten Waschmaschinen, Material für die Werkstatt und Desinfektionsmittel. Bislang wurde der Kontaktladen von der Aktion Mensch unterstützt, doch die Finanzierung läuft im Dezember aus. „Wir sind stark in unserer Existenz bedroht“, sagt Alexandra Post.

In Berlin leben nach Schätzungen des Senats rund 1800 „Straßenkinder“. Viele von ihnen sind wie Carmen durchs Raster der Jugendhilfe-Einrichtungen gefallen. Das war das Ergebnis einer gerade erschienenen Studie des Instituts für Sozialforschung. Sie macht auch deutlich, wie schwer es für die Jugendlichen ist, die Straße wieder zu verlassen. Die meisten schaffen es erst nach vier bis fünf Jahren, einige sind schon seit mehr als zehn Jahren auf der Straße. „In vielen Einrichtungen zwingen uns die Sozialarbeiter dazu, uns zu integrieren, ohne einem die Privatsphäre zu lassen“, sagt Carmen. Doch im Klik gebe es gewissermaßen die Hilfe zur Selbsthilfe. „Die bemühen sich, dass die Leute etwas hinkriegen.“ Im Kontaktladen fänden viele so etwas wie eine neue Familie, sagt Carmen. Sie selbst wirkt, als könne sie zu große Nähe nicht so einfach zulassen nach all ihren Erfahrungen – außer vielleicht zu ihrer Hündin Itz, die sie auch „Frollein“ oder einfach „Hund“ nennt. Itz spielt im Kontaktladen gern mit ihrem Bruder Baldur. Oder mit einem der vielen anderen Hunde, die durch die Räume wuseln.

Einmal in der Woche ist Tierarztsprechstunde im Kontaktladen, dann kommen besonders viele Jugendliche. Auch eine Möglichkeit, einen Zugang zu ihnen zu finden und sie von der Straße zu holen. Carmen will demnächst einen Fotokurs bei Klik machen. Sie wäre gern Fotografin. Aber eigentlich möchte sie am liebsten irgendwann mit ein Paar Freunden einen Bauernhof bewirtschaften, Obst und Gemüse anbauen, Äcker bestellen. „Richtig arbeiten, für einen selbst und nicht für andere“, sagt sie – und wirkt wieder ganz kurz ein bisschen glücklich.

Spendenaktion Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse, Kontonummer: 250030942, BLZ: 10050000. Onlinebanking ist möglich. Bitte notieren Sie Namen und Anschrift für den Spendenbeleg, den wir dieses Jahr schneller als in den Vorjahren zuschicken können. Alle Infos im Internet: www.tagesspiegel.de/spendenaktion

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