Spendenserie : Seelische Entgiftung

Bei der Spendenaktion „Menschen helfen!“ unterstützt der Tagesspiegel Vereine und Projekte – einige stellen wir in unserer Serie stellvertretend vor: In der Wohnung des Drogentherapiezentrums in Friedrichshain beginnt für Abhängige ein neues Leben.

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Neubeginn. Manfred Zier, Leiter der Übergangseinrichtung des Drogentherapiezentrums Friedrichshain, mit den Bewohnern Daniel K. (links) und Daniel T.
Neubeginn. Manfred Zier, Leiter der Übergangseinrichtung des Drogentherapiezentrums Friedrichshain, mit den Bewohnern Daniel K....Foto: Thilo Rückeis

Der Teufel hat Einschusslöcher im Kopf, Blut läuft herunter. „Das ist ein Kokainteufel, der da aus mir rauskommt“, sagt Daniel K. und zeigt auf die Tätowierung auf seinem Unterschenkel. Der breitschultrige 26-Jährige trägt trotz des Winters kurze Hosen und ein T-Shirt, so dass man die Haut an Armen und Beinen sehen kann, die über und über tätowiert ist. „Das habe ich alles stechen lassen, während ich auf Drogen war. Auf Kokain ist man schon echt eklig.“ Mit 16 hatte der Spandauer angefangen, die Droge zu nehmen. Doch vor ein paar Wochen fasste der gelernte Fleischer den Entschluss, dass damit endlich Schluss sein soll. Nämlich „als ich das Geld für meine Miete verballert und keinen Job mehr hatte. Da hatte ich wirklich Angst, dass ich als nächstes kriminell werde.“

Der erste Schritt war eine Entgiftung im Drogentherapiezentrum in Friedrichshain. Seitdem lebt er in einem Vierbettzimmer in der Übergangseinrichtung des Zentrums – sozusagen in der Warteschleife, bis er einen richtigen Therapieplatz und eine feste Einrichtung gefunden hat, in der er länger bleiben kann. „Bei uns beginnt nach der körperlichen die seelische Entgiftung“, sagt Manfred Zier, Leiter der Übergangseinrichtung. „Es ist ein sehr niedrigschwelliges Angebot. Meist dauert es lange, bis es nach der Entgiftung eine Zusage für eine Kostenübernahme gibt. Wenn sie in dieser Zeit in ihr altes Umfeld zurückkehren, ist die Rückfallquote zu hoch.“

„Ich habe für Februar einen Therapieplatz gefunden. Ich wüsste nicht, was ich bis dahin machen sollte, wenn ich nicht hier wohnen könnte“, sagt Daniel K.s Mitbewohner, der ebenfalls Daniel heißt. Daniel T. ist ein schmaler, unauffälliger 23-Jähriger im gestreiften Pullover, der wesentlich jünger wirkt. Er nimmt Cannabis, seit er zwölf ist, mit sechzehn war er zum ersten Mal obdachlos, nahm auch Amphetamine und trank zu viel Alkohol. Dann schaffte er sogar ein erstes Mal clean zu werden, eine Therapie zu Ende zu bringen und währenddessen einen Hauptschulabschluss zu machen. Als er danach die betreute Wohneinrichtung, in der er gelebt hatte, verlassen musste, fand er keine Unterkunft auf dem umkämpften Berliner Wohnungsmarkt, zog zu einem alten Kumpel, der noch abhängig war – und wurde rückfällig. Also ging es wie beim Monopoly zurück auf „Los“: in die Entgiftung. Zum Glück gibt es in der Übergangseinrichtung eine Gesprächsgruppe, die sich mit „Rückfallprophylaxe“ beschäftigt. „Ich will unbedingt endlich clean leben“, sagt T.

Rund 200 Bewohner werden pro Jahr durch die Übergangseinrichtung geschleust, jeweils 12 bis 18 leben gleichzeitig in der großen Hinterhauswohnung. „Der Verschleiß der Einrichtungsgegenstände ist entsprechend“, sagt Zier. „Die meisten Klienten müssen erst mal ein Gefühl für sich selbst bekommen – und für den Wert von Sachen. Vor allem, wenn sie vorher obdachlos waren.“ Die Sofas im Eingangsbereich sind vollkommen kaputt. Auch neue Matratzen, Geschirr, eine Waschmaschine und ein Kühlschrank werden gebraucht: Die Liste der zu ersetzenden Gebrauchsgegenstände ist lang. Mit der Spendenaktion will der Tagesspiegel dabei helfen. „Der Senat und das Sozialamt finanzieren zwar die laufenden Kosten für die Einrichtung, aber es ist kein Geld für solche Dinge vorgesehen. In den letzten zehn Jahren wurde uns der Etat vom Senat sogar um etwa 40 Prozent gekürzt“, sagt Zier.

In der Übergangseinrichtung sorgen die Betreuer dafür, dass die Bewohner eine feste Tagesstruktur einhalten. Um sieben müssen alle aufstehen. Jeder hat immer zu allen Mahlzeiten zu erscheinen. Betten machen, putzen und kochen gehört auch fest zum Tagesablauf. Ebenso Gespräche zur Therapievorbereitung, Gesprächsgruppen und Zeit in der Kreativwerkstatt des Zentrums.

T. malt dort das Universum: „Zwei Menschen, die auf einem anderen Planeten stehen und von dort aus auf die Erde gucken“, erklärt der Künstler. Sein Mitbewohner K. töpfert gerade eine Katze als Geschenk für seine Mutter. Ganz anders als der jungenhafte T. wirkt K. wirkt wie ein harter Kerl. 60 bis 70 Stunden habe er bis vor kurzem pro Woche gearbeitet – auf dem Bau und am Tresen in einer Bar. Das Pensum schaffte er nur durch das Kokain – bis er gar nichts mehr schaffte.

In der Übergangseinrichtung liest er auf einmal viel in der Bibel. Und er hat sich eine christliche Einrichtung in Hannover ausgesucht, in die er gern ziehen möchte: „Ich will raus aus Berlin. Und ich hoffe, dass ich bei den Christlichen endlich mal normale, ehrliche Menschen treffe und ein neues Leben anfange.“

Insgesamt 53 Projekte und Initiativen unterstützt der Tagesspiegel 2012/13 - bei der Jubiläums-Spendenaktion „Menschen helfen!“. Unsere Leserinnen und Leser rufen wir auf, für diese als gemeinnützig anerkannten Vereine und Träger zu spenden, die besonders innovativ sind oder deren Arbeit durch Kürzungen gefährdet ist. Unser Konto: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse (BLZ 100 500 00), Konto 250 030 942. Bitte notieren Sie Namen und Anschrift für den Spendenbeleg. Onlinebanking ist möglich.

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