Spendenserie : Zuspruch und heißer Kaffee

Verein will eine Beratungsstelle einrichten, die osteuropäischen Prostituierten den Ausstieg ermöglicht Die Helfer aus dem „Café Neustart“ an der Kurfürstenstraße bitten um Spenden. Bei der Jubiläums-Spendenaktion „Menschen helfen!“ 2012/13 unterstützt der Tagesspiegel 53 Vereine, Projekte und Initiativen – einige stellen wir in unserer Serie stellvertretend vor.

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Hilfe für die Helfer gesucht. Violetta Zokowa und Gerhard Schönborn kümmern sich im Café Neustart um die Frauen von der Kurfürstenstraße. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Hilfe für die Helfer gesucht. Violetta Zokowa und Gerhard Schönborn kümmern sich im Café Neustart um die Frauen von der...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Leberwurst ist alle. „Aber Leberwurst ist doch das A und O. Die essen alle gern“, sagt Violetta Zokowa, Mitarbeiterin im Café Neustart an der Kurfürstenstraße, während sie auf den fertig belegten Broten liebevoll Gurkenscheiben ohne Schale drapiert. Gleich öffnet das Café, dann werden sie kommen – die Frauen vom Straßenstrich, der gleich vor der Tür ist.

Zwei Drittel von ihnen stammten aus Osteuropa, sagt Violetta Zokowa. Vor allem viele Bulgarinnen seien dabei, oft aus bildungsfernen Familien, zu denen Roma und Angehörige einer türkischsprachigen muslimischen Minderheit gehören. Seit einem Jahr kümmert sich Violetta Zokowa, die als Kind aus Bulgarien nach Deutschland gekommen ist, um die Osteuropäerinnen. Sie spricht auch Polnisch, Russisch und Tschechisch: „Es dauert lange, bis man wirklich Vertrauen aufgebaut hat. Jetzt, nach einem Jahr kommt es langsam.“

Eine leicht pummelige Frau mit großen Augen und langen Wimpern ist eine von den rund 40 bulgarischen Schützlingen von Violetta Zokowa. Man könne sie Katarina nennen, sagt die 36-Jährige. Eigentlich heißt sie anders. Sie könne zwar Deutsch für den Alltagsgebrauch. Aber Kompliziertes lässt sie lieber von Violetta Zokowa übersetzen:  „Mir geht es nicht darum, hier Kaffee und Brote zu bekommen. Sondern darum, dass man hier Menschen treffen kann, die wirklich für mich da sind und sich für mich interessieren. Ich fühle mich sonst meist sehr allein. Und hier sieht man mich ausnahmsweise als Mensch – und nicht als Prostituierte.“ Violetta Zokowa wird bei so viel Lob ganz verlegen. „Den psychischen Stress, dem die Prostituierten ausgesetzt sind, kann sich jemand anders gar nicht vorstellen“, sagt sie. Wenn man Katarinas Geschichte hört, bekommt man aber einen Eindruck.

Als alleinerziehende Mutter mit einem Kind verdiente sie in Bulgarien 60 Euro im Monat in einer chemischen Reinigung – oft musste sie dafür Tag und Nacht arbeiten. Und konnte doch nicht immer die Medikamente und Arztbehandlungen für ihre Tochter, die Epilepsie hat, zahlen. Traurig sagt sie: „Ich war eine vorbildliche, saubere Frau damals.“ Bis sie jenen Mann kennenlernte, der sie zur Prostitution brachte. Zunächst in Bulgarien. Dann kam sie auf die Idee, sie könnten doch nach Berlin gehen: „Ich hatte gehört, dass hier die Prostitution nicht illegal ist und man mehr verdienen kann.“

Doch hier stellte sie fest: Gewalt durch Freier ist auf dem Berliner Strich an der Tagesordnung. Die Freier wollen ungeschützten Sex – und zahlen dafür nur wenig. Dabei muss Katarina täglich viel Geld zusammenbekommen: 30 bis 40 Euro für eine überteuerte Pension, denn etwas anderes finden die Frauen aus Osteuropa in Berlin nicht als Unterkunft. Etwa noch mal so viel für den Zuhälter. Vor allem muss sie den Lebensunterhalt für ihre Tochter verdienen, die bei der Großmutter lebt: „Wenn ich nicht genug Geld schicke, gibt meine Mutter ihr nichts zu essen.“

Vor einiger Zeit hat sie es geschafft, ihren Zuhälter zu verlassen, der sie schlug und psychisch quälte. Und am liebsten würde Katarina ganz aufhören und eine richtige Arbeit annehmen – wie die meisten ihrer Schützlinge, sagt Violetta Zokowa. Aber erst ab 2014 dürfen Bulgarinnen ohne Hochschulabschluss in Deutschland angestellt werden, etwa als Kassiererinnen. Zurzeit dürfen sie zwar arbeiten, aber nur wenn sie ein eigenes Gewerbe anmelden. „Bis 2014 können wir hauptsächlich mit Zuspruch und Deutschkursen helfen,“ sagt Violetta Zokowa.

Um etwas besser helfen zu können, will der Verein Neustart eine neue Beratungsstelle, speziell für Osteuropäerinnen einrichten – möglichst weit weg vom Straßenstrich an der Kurfürstenstraße. Wenn eine Frau schon den ersten Schritt weg vom Strich geschafft habe, sei es wichtig, dass sie nicht immer wieder für Beratungen an die Kurfürstenstraße zurückkehren müsse, sagt Violetta Zokowas Kollege Gerhard Schönborn: „Es ist oft ein langer Prozess, bis sie es schaffen, alles hinter sich zu lassen.“ Außer Zokowa und einer rumänischsprachigen Kollegin soll auch noch eine Sozialarbeiterin hinzukommen, die Ungarisch spricht. Für die Miete und Einrichtung der Beratungsstelle hofft der Verein auf Spenden der Tagesspiegelleser. „Wir könnten dort ungestört Deutsch unterrichten, Alphabetisierungskurse und juristische und steuerliche Beratungen anbieten. Im Café wird man oft dabei gestört“ sagt Violetta Zokowa.

Das Café Neustart soll aber Anlaufstelle auch für die Osteuropäerinnen bleiben. „Hier ist es manchmal so schön, dass man Angst hat, man gewöhnt sich zu sehr an ein normales Leben“, sagt Katarina. Dann verschwindet sie wieder in die Kälte der Kurfürstenstraße. Dabei hat eine ehrenamtliche Mitarbeiterin im Café gerade doch noch die Leberwurst gefunden – ganz hinten im Kühlschrank.

Unser Konto: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse (BLZ 100 500 00), Konto 250 030 942. Bitte notieren Sie Namen und Anschrift für den Spendenbeleg. Onlinebanking ist möglich.

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