Spendenwesen : Der Appell ans Gewissen kann auf die Nerven gehen

Spenden- und Mitgliederwerber sind wichtig für alle gemeinnützigen Organisationen. Aber nicht immer sind die Methoden seriös. Experten fordern, dass sich der Staat wieder um die Kontrolle kümmert – wie im Bundesland Rheinland-Pfalz.

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Gutes tut doch eigentlich jeder gern: kranken Kindern etwas vorlesen, benachteiligte Jugendliche fördern oder bei einem Charity-Ball dezent Spendenschecks entgegennehmen. Aber dann gibt es noch eine andere Weise, Gutes zu tun – und die ist umstritten: Mitgliederwerbung für gemeinnützige Organisationen – am Telefon, an Haustüren oder auf öffentlichen Plätzen. Die meist sehr jungen Männer und Frauen springen Passanten manchmal sogar in den Weg, laufen neben ihnen her, und neulich in der Friedrichstraße in Mitte hakte sich ein Mann sogar bei den Vorbeilaufenden ein und wollte sie kaum wieder freigeben. „Haben sie nicht wenigstens eine Minute für den Tierschutz übrig?“ , fragen sie. Wahlweise kann man auch „hungernde Kinder“ oder „Menschenrechtsverletzungen“ einsetzen.

Sie appellieren an unser Gewissen und gehen uns auf die Nerven. Und meistens werden sie dafür bezahlt und arbeiten oft nicht einmal direkt für eine gemeinnützige Organisation, sondern für eine Agentur, die mit der Mitgliederwerbung beauftragt wurde. Tun diese Leute also eigentlich etwas wirklich Gutes? Und wie kann man erkennen, wer seriös ist?

„Das ist bei Straßen- und Haustürwerbung oft schwerer zu beurteilen als bei Spendenbriefen“, sagt Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI). „Auch bei seriösen Organisationen kommt es zu unseriösen Übergriffen“, sagt er. Dazu gehört: sich in den Weg zu stellen, Druck auszuüben, ein Nein nicht zu akzeptieren oder besonders grausame Fotos zu zeigen, um Emotionen zu wecken. Grundsätzlich sei aber sowohl Straßen- als auch Haustürwerbung in Ordnung – so lange die Werber nicht den Eindruck erweckten, sie seien Ehrenamtliche oder bei der Organisation angestellt, obwohl sie für eine Agentur arbeiten: „Die Transparenz muss da sein, sonst kann keine Vertrauensbasis geschaffen werden“, sagt Wilke.

„Viele machen sich nicht klar, dass kaum ein Ehrenamtlicher Lust hat, den ganzen Tag in der Fußgängerzone zu stehen und Leute anzusprechen. Außerdem muss man ein dickes Fell haben und Kommunikationstechniken kennen, um Leute zu gewinnen“, sagt Oliver Numrich, Geschäftsführer der Berliner Firma Blätterwald, die das Bild von gemeinnützigen Organisationen in den Medien statistisch auswertet. „Jede gemeinnützige Organisation ist auf Fördermitglieder angewiesen, die auch dann spenden, wenn gerade keine Katastrophe in aller Munde ist. Aber die meisten Menschen haben eine gewisse Trägheit, das einfach so zu tun. “ Und dafür müsse man die Leute eben auf der Straße ansprechen. „Das ist eine gute Sache, so lange es mit fairen Mitteln passiert“, sagt Numrich.

Doch immer wieder kommt es vor, dass sich Werber als Ehrenamtliche ausgeben, obwohl sie von einer Agentur kommen. „Fehlverhalten von einer Organisation fällt oft auch auf die anderen zurück,“ sagt Patrick Schultheis von der Bundesgeschäftsstelle Johanniter-Unfallhilfe in Berlin. „Aber es gibt auch bei uns immer mal wieder übermotivierte Fördermitglieder-Werber. Verstöße werden bei uns konsequent geahndet, und es gibt ein Beschwerdemanagement.“ Das ist auch in einem „Verhaltenskodex zur Mitgliedergewinnung“ geregelt, den die Johanniter unterschrieben haben – gemeinsam mit dem Arbeiter-Samariter-Bund, dem Deutschen Roten Kreuz und den Maltesern. Ob sie diesen Kodex auch einhalten, kontrolliert in Berlin allerdings keiner – ganz anders in Rheinland-Pfalz, wo es noch ein Sammlungsgesetz gibt. Dort brauchen alle Organisationen eine Erlaubnis der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), wenn sie um Spenden und Mitglieder werben wollen. „Gerade bei denen, die Agenturen beauftragen, muss man aufpassen“, sagt Sven Brauers von der ADD. Wenn die Organisationen sich nicht an den Kodex halten, kann die Behörde ihnen die Erlaubnis entziehen.

In Berlin braucht man nur eine Genehmigung vom Tiefbauamt im jeweiligen Bezirk. Inhaltlich werde nicht kontrolliert, teilte das Bezirksamt Pankow auf Anfrage mit. Weil Berlin kein Flächenland ist, sei eine zentrale Kontrollstelle nicht notwendig, heißt es bei der Senatssozialverwaltung. Wilke vom DZI sieht das anders: „Auch in Berlin müsste es wieder eine staatliche Aufsicht geben.“ Sein Institut versuche zwar einige der Aufgaben einer solchen Einrichtung zu übernehmen. „Aber wir können sie nicht ersetzen.“ Wilke geht auch die Selbstverpflichtung der Organisationen nicht weit genug.

Einen ganz anderen Weg der Kontrolle hat Amnesty International gewählt. Dort war der Einsatz von bezahlten Spendenwerbern von einer Agentur zunächst umstritten. Schließlich ist es dort die Hauptaufgabe der Ehrenamtlichen, Unterschriften für Kampagnen zu sammeln. Nebenbei machen sie auch ein bisschen Werbung für eine Mitgliedschaft oder eine Spende. Deshalb hat die Organisation die Lösung gefunden, dass Ehrenamtliche die Agenturmitarbeiter schulen – und dann ihre Arbeit vor Ort kontrollieren. Einem Sprecher von Amnesty zufolge hat es in jüngster Zeit keine Beschwerden der Ehrenamtlichen gegeben.

Der Verhaltenskodex: Was Spendenwerber dürfen - und was nicht

WAS NICHT OKAY IST

Die Johanniter-Unfallhilfe, die Malteser, das Rote Kreuz und der Arbeiter-Samariter-Bund geben dazu Tipps in ihrem Verhaltenskodex: Werbegespräche sollen nicht aufdringlich oder aggressiv geführt werden. Schwächen von Menschen dürfen nicht ausgenutzt werden (Seh- oder Hörschwierigkeiten, Unerfahrenheit oder Sprachunkenntnis). In Einrichtungen für Aussiedler und Obdachlose, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen darf nicht geworben werden. Die Mitarbeiter dürfen kein Bargeld, keine Schecks oder Sachspenden bei der Mitgliedergewinnung annehmen.

SO MUSS ES SEIN

Die Werber müssen ausdrücklich klarstellen, dass es nicht um einmalige Spenden, sondern um dauerhafte Unterstützung geht. Sie brauchen einen Werbebeauftragtenausweis. Dort, auf dem Namensschild oder dem Formular muss ein Hinweis stehen, dass es sich um kommerzielle Werbung handelt.

BESCHWERDESTELLE

Eine Spenderberatung gibt es beim DZI, Bernadottestraße 94, Tel. 839 0010, www.dzi.de

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