Berlin : Speziallager der Sowjets: Briefe aus der Vergangenheit

Steffi Bey

Fast ein halbes Jahrhundert hatte Ernst Höhne Briefe versteckt, die er einst während der Zeit in sowjetischer Lagerhaft geschrieben hatte. Weder seine Frau, noch sein Sohn Manfred wussten etwas davon. Erst vor zwei Jahren, kurz nach dem Tod des 89-Jährigen, wurden die Kassiber entdeckt. Manfred Höhne, der die Wohnung seines Vaters damals auflöste, fand sie in einer Schublade. "Schockiert war ich nicht", sagt der Hohenschönhausener heute rückblickend, "Ich empfand es eher als eine Bestätigung." Denn der frühere Pressestellenleiter des Bezirksamtes war der Initiator zur Gestaltung einer Gedenkstätte für die Opfer des Speziallagers Hohenschönhausen. Der sowjetische Geheimdienst NKWD hielt an der Genslerstraße zwischen Mai 1945 und Oktober 1946 rund 20 000 Menschen gefangen. Auch Ernst Höhne wurde dort vorübergehend festgehalten, bevor er ins Speziallager Nummer 7 nach Sachsenhausen kam. Sein Sohn fand heraus, dass in Hohenschönhausen mindestens 900 Inhaftierte an Hunger, Kälte und Krankheiten starben. Ihre Namen sind unbekannt.

Bis zur Wende waren die die sowjetischen Speziallager, in denen der KGB nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 155 000 Menschen inhaftierte, ein Tabu-Thema im Osten Deutschlands. Zu den Gefangenen gehörten Kriegsverbecher ebenso wie Nazi-Mitläufer und Menschen, die denunziert wurden. Auch die Überlebenden hielten sich an ihr auferlegtes Schweigegebot. Erst Anfang der 90er Jahre erfuhr Manfred Höhne von den Repressalien gegen seinen Vater, den vermutlich Nachbarn wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft bei den Sowjets angezeigt hatten. Als der alte Mann dann vor zwei Jahren noch die Einweihung des "Denkortes" auf dem Dorffriedhof an der Gärtnerstraße miterleben konnte, habe er diesen Augenblick als "unendliche Befreiung" empfunden, erinnert sich Höhne. "Es war für meinen Vater wichtig, dass die Existenz der Lager endlich von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wird."

Erst im letzten halben Jahr fand Manfred Höhne Zeit, sich den Briefen ausgiebig zu widmen. Ihm fiel dabei auf, dass der Vater viel über die Zukunft nachdachte: Wie es weitergeht, wenn er frei ist und ob er vielleicht auswandern sollte. Außerdem beschreibt er in den Kassibern seinen Alltag, den er damit verbrachte, technische Anlagen zu demontieren. Und er wusste, dass er sie als gelernter Maschinenbau-Ingenieur in der Sowjetunion wieder aufbauen muss. "Er glaubte aber, dass er dies als freier Mann tun wird und nicht als Gefangener", erzählt Höhne.

Wenn im kommenden Jahr der Museumsneubau in Sachsenhausen fertig ist, sollen auch Höhnes Briefe gezeigt werden. "Wir wollen den Häftlingsalltag dokumentieren und deutlich machen, wie versucht wurde, die Isolation zu durchbrechen", sagt Museums-Mitarbeiterin Karin Geusen. Die Dutzend Schriftstücke sind zudem etwas Besonderes: Es sei einmalig, dass aus dem Speziallager heraus Briefe gelangten, die mit Feder geschrieben wurden. "Papier und Schreibutensilien standen den Gefangenen sonst nicht zur Verfügung", sagt Karin Geusen. Höhne hatte Glück: Er war Schreiber.

Auch Manfred Höhne wird gemeinsam mit seiner Frau den Ort besuchen, mit dem sich so viele Geschichte verbindet. Aber eigentlich wird er täglich an diesen Lebensabschnitt seines Vaters erinnert. Denn er besitzt ein Kleeblatt, das der Vater während seiner Gefangenschaft aus Nussbaumholz schnitzte - mit einer Glasscherbe.

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