Berlin : Spielen, sporteln, flirten

Die Grüne Woche ist nur etwas für Menschen über 50. Das ist ein Klischee. Denn jedes Jahr strömen hunderttausende auf die Messe, seit Generationen schon. Unsere Reporter haben nachgeschaut und gefunden, was junge Leute interessiert

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Mit Angeln werfen

Deike Diening, 28: Angler müssen glückliche Menschen sein, das habe ich mir immer gedacht. Sie wissen, was sie tun, wenn sie Köder wählen, die Schnur auswerfen und das Warten beginnen. Sie schweigen lange und frischluftbetört. Die Grüne Woche ist damit das exakte Gegenteil zum Angeln – außer in Halle 26: Zwei Männer in Trainingsanzügen werfen dort immer wieder ihre Angeln aus, 10, 18 Meter weit. Der Köder fällt auf eine Zielscheibe. „Casting" heißt das und ist ein Sport, der Weltmeister hervorbringt. Die CastingMenschen brauchen dafür nicht mal ein Gewässer. Sie legen ihre Zielscheibe auf den Rasen und stellen sich selbst auf ein Podest. „Ah, Sie wollen probieren?" Einer greift eine Angel mit seinen großen rauen Sportfischerhänden und erklärt, wie lang die Schnur sein muss, bevor man wirft, in welchem Moment man die Spule öffnet, pendelt, und schließlich den Finger von der Schnur zieht. „Konzentration ist wichtig, Augenmaß und Timing". Stille. Die Messe weit weg. Der Daumen zeigt in Richtung Ziel. Das weiße Plastikgewicht schwingt und dann gibt die sausende Spule meterweise Schnur frei. „Das wären gleich vier Punkte!“, jubelt der Profi, „beim ersten Wurf!" Angler sind glückliche Menschen.

Mit Freunden trinken

André Görke, 22 : Gila kann ein wirklich nettes Mädchen sein. Das mit der Großstadt hat sie kapiert, sie flucht und fährt sehr schnell Auto. Aber Gila kommt nun mal vom Lande, und als wir neulich auf der „Grünen Woche“ herumliefen, da blieb sie plötzlich stehen. „Sind die süüüß!“ Prompt lag sie im Stroh und spielte mit Ferkeln. Da haben die Vierjährigen aber geguckt! Gila ist 21. Ehrlich gesagt, war ich auf der „Grünen Woche“, um nach Bier zu gucken. Am Freitag wird dort länger geöffnet sein, und meine Kumpels wollen dann „einen heben gehen“. Nur finden Sie mal einen guten Bierstand auf der Grünen Woche! Die Tschechen brauen zwar gutes Bier – nur ihre Stände sind ungemütlich. Henrys Stand ist da besser, mit viel Holz und wenig Licht. Bei Henry gibt’s irisches Bier und Dudelsackmusik. Aber leider trinken da zu viele Touristen. Ich werde am Freitag wohl bei „Tuborg“ in Halle 8 vorbeischauen, das ist dänisches Bier, und die Männer hinter der Theke sind nordisch-zurückhaltend. Ein Bier kostet zwei Euro, der Magenbitter „Gammel Dansk“ das gleiche.

Gila habe ich nichts vom Termin am „Tuborg“-Stand erzählt. Sonst will sie wieder zu den Ferkeln.

Mit Ratten spielen

Stephan Wiehler, 36 : Hannibal Lecter hilft auf der Grünen Woche, das Image einer verfemten Tierart aufzupolieren. In Halle 2.1. krabbelt Hannibal mit seinen Kollegen Spike und Hollywood über die Hände von Messebesuchern, beschnuppert Kinderanoraks und durchstöbert Handtaschen. Bis zur Anerkennung als Nutztier ist es zwar noch ein weiter Weg, doch Christine Voss weiß von ersten Achtungserfolgen zu berichten. Die Vorsitzende des Berliner Rattenclubs wirbt auf der Grünen Messe schon seit sieben Jahren um Sympathie. Und tatsächlich sind es längst nicht nur Kinder, die Ratten als robuste Spielkameraden schätzten. „Gerade bei älteren Damen werden sie immer beliebter.“

Hannibal Lecter, Hollywood und Spike haben bereits ein größeres Publikum unterhalten als die meisten Mastschweine oder Zuchtrinder auf der Grünen Woche. Christine Voss vermietet sie als Rattendarsteller ans Fernsehen – an „Wolffs Revier“, oder an „Hinter Gittern“. Hingehen. Und life sehen.

Mit Russinnen flirten

Stefan Hermanns, 32 : Manchmal glaube ich, dass ich eine slawische Seele habe. Das ist natürlich Blödsinn, weil ich wie alle meine nachweisbaren Vorfahren aus dem Rheinland stamme. Und trotzdem. Um das zu verstehen, muss man nur die russischen Frauen beobachten, die bei der Grünen Woche an ihren Ständen stehen – wenn sie kurz ihre professionelle Freundlichkeit vergessen und gedankenverloren ins Leere starren.

Die Russen stellen die größte Ausstellergruppe. Sogar das „Ministerium der russischen Föderation für Atomenergie“ hat einen Stand, doch da ist der Andrang überschaubar. Überhaupt hat man in Halle 2.2 bei den Russen jede Menge Bewegungsfreiheit. Dabei sollten schon wegen der schönen russischen Namen alle kommen: wegen der Republik Mordowian, dem Milchkombinat Otschakovo, und weil ein Aussteller seine Sojaprodukte als „dienlich bis rechtzeitig“ preist. Sehr geheimnisvoll. Ich frage Aliona Khavanskaya aus Moskau, ob sie die russische Seele erklären kann. „Ich glaube nicht, dass es eine russische Seele gibt“, antwortet sie, was ich ziemlich unromantisch finde. „Ich bin nicht romantisch“, sagt sie. Schade.

Mit Bullen sprechen

Vincent Lindig, 16 , und Philipp Scholz, 16 : Eigentlich waren wir schon auf dem Weg zum Ausgang. Bisher hatten wir uns gelangweilt auf der Grünen Woche. In der Jugendeventhalle gab’s ein Obstgewinnspiel. Da haben wir eine Uhr gewonnen, obwohl wir die Karte ganz offensichtlich falsch ausgefüllt hatten! Und Techno. Wir mögen ja lieber HipHop. Auf dem Weg zum Ausgang sind wir dann, an Stand 22 in Halle 25, aber Mongan begegnet. Mongan ist ein Zuchtbulle, ein riesiger beigefarbener Fleischklops. Mongan wiegt 1320 Kilo und hat einen Brustumfang von 270 Zentimetern. Krass groß ist das. Sah irgendwie unwirklich aus, das Vieh. Der ist bestimmt lahm, sagen wir. „Der ist schneller als ihr“, sagt sein Züchter. Dabei ist Mongan aber ganz sanft. Der große Nasenring ist nur zum Führen da. Eine Viertelstunde sind wir noch geblieben. War doch ganz cool auf der Grünen Woche.

Mit Skiern springen

Ariane Bemmer, 36 : Uih, was ist denn das? Am Eingang der Jugendeventhalle kann man Skispringen. Nur virtuell, versteht sich. Ich stelle mich an. Sandy ist dran. Sie schafft 112 Meter. Dann ich: Meine Füße stehen auf beweglichen Trittflächen und wackeln vor lauter Nervosität hin und her. Ich blicke auf die Leinwand. Eine lange Schanze, dahinter ein gähnendes Nichts, irgendwo jubelt Publikum. Ich bin die roten Skier. Die liegen auf den blauen, die so fliegen, wie es richtig ist. Mit meinen Füßen muss ich die roten auf den blauen halten. Fertig? Eine junge Frau programmiert meinen Namen ein. Die Trittflächen kippen leicht nach vorne, die roten Ski stehen über Kreuz, Schreck! Zurück auf Linie! Konzentration! Immer auf die roten gucken. Nicht ablenken lassen. Ich hebe ab. Füße spreizen, ich fliege, ich lande. 140 Meter. Spitze, sagt die Frau am Ski-Stand. Ich will noch mal.

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