Berlin : Spielen zwischen Grabsteinen

Der Leisepark war früher ein Friedhof. Jetzt kann man hier spazieren gehen – und herumtoben.

Manuel Vering

Berlin - „Neulich soll hier mal ein Kind einen Knochen ausgebuddelt haben“, will eine Parkbesucherin des Leiseparks in Prenzlauer Berg gehört haben. Gar nicht so abwegig, denn der Park war früher ein Friedhof – und ist es auch heute noch. Bloß, dass der letzte Tote hier 1970 bestattet wurde, der Friedhof von der zuständigen Kirchengemeinde in den Besitz der Stadt übergegangen und seit Juni 2012 teilweise ein Park ist.

Er ist im Rahmen einer Initiative von Anwohnern, einer benachbarten Grundschule und einem Landschaftsplanungsbüro entstanden und seitdem zu einem Anziehungspunkt für Jung und Alt geworden. Spazierpfade, Bänke und Schilder mit Erklärungen zu Bäumen und Vögeln machen den Park zu einer Oase inmitten der Stadt. Besonders spannend für Kinder sind vereinzelte Spielgeräte wie große Hängematten, ein Aussichtsturm und Klettersteine, die es zwischen Bäumen und Gräbern zu entdecken gibt.

Während auf der einen Seite des Parks, hinter einem hohen Zaun, noch ein Teil des St.-Marien-und-St.-Nikolai-Friedhofs als klassische Andachtsstätte dient, gibt es auf der umgebauten Seite nur noch wenige Trauernde. Die Atmosphäre im Leisepark setzt sich aus andächtig schlendernden Gästen und vereinzeltem Geschrei seiner kleinen Besucher zusammen. Ausgelassene Kinder und vereinzelte Grabsteine – der Kontrast von Leben und Tod ist überall präsent. „Am Anfang war ich sehr skeptisch“, erzählt eine Mutter mit zwei Kindern im Alter von zwei und vier Jahren. „Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und mag diesen Park wegen seiner einzigartigen Stimmung sehr gern.“

Gerade die Tatsache, dass in einer Ecke des Parks mehrere kleine Grabsteine einen Kinderfriedhof bilden, soll aber auch schon Mütter davon abgehalten haben, den Leisepark zu besuchen. Die Meinungen der Parkbesucher hierzu gehen auseinander. Eine typische Szene: Zwei Mütter aus Prenzlauer Berg mit identischen Kinderwagen unterhalten sich auf einer der Parkbänke. „Wenn mein Kind alt genug ist, um zu begreifen, was hier los ist, werde ich mir einen anderen Park suchen“, erklärt die eine. Ihre Banknachbarin ist aufgeschlossener: „Der Tod gehört zum Leben dazu. Ich erkläre meinem Kind, warum die Grabsteine hier stehen, wenn es das wissen will.“

Tatsächlich sollen im März dieses Jahres Füchse Knochen ausgebuddelt haben und sorgten damit für Unruhe. Der Bezirksverordnete Matthias Böttcher (SPD) fragte daraufhin beim Bezirksamt Pankow an, ob Kinder mit den Knochen in Berührung gekommen seien. Die Behörde verneinte. Stoff für Gerüchte bietet dieser Fund aber in jedem Fall.Manuel Vering

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