Berlin : Spielplatz zweier Welten

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Zum Bombastrock der britischen Band Muse am Trapez turnen? Da hätte Luftakrobatin Romy Seibt am liebsten erst mal geheult. Viel zu hart, viel zu aggressiv war ihr der Sound. „Schließlich bin ich Mutter von zwei Kindern“, grinst sie. Fünf Probenwochen später hängt sie mit drei anderen Akrobatinnen ganz selbstverständlich zu „Hysteria“ von Muse kopfüber am Trapez. „Man wird halt weitergetrieben“, erklärt die in Berlin lebende 36-jährige Artistin den dazwischen liegenden Prozess, „alles führt irgendwohin.“ Erst nach Wedding, wo die Show mit dem achtköpfigen Artistenensemble in alten BVG-Hallen in der Pankstraße entwickelt wurde, am Donnerstag zur Premiere von „Versus“ ins Chamäleon in den Hackeschen Höfen.

Glitzerfummel, Paillettentrikots, Bühnenflitter? Pustekuchen, in „Versus“ gibt es nichts davon. „Wir haben jahrelang junges Publikum aus dem Varieté vertrieben“, schnaubt Regisseur Markus Pabst, der mit seiner Produktionsfirma „Circle of Eleven“ immer wieder neu durch das Genre kehrt. Selbst seine Badewannen hat er inzwischen satt, die wichtigsten Requisiten seiner Erfolgsshow „Soap“, die jetzt von Berlin weiter nach London gezogen ist.

In „Versus“ stellt er zwei abstrakte Welten gegeneinander: die der Frauen, die vom krachigen Muse-Sound untermalt wird, und die der Männer, die zu den schwerblütigen Balladen von Antony and the Johnsons tanzen, spielen, sich in Vertikaltücher verwickeln und vor allem an vier chinesischen Masten hoch- und runterklettern. Abgesehen von Masten, Tüchern, Seilen, Spots und ein paar Videoprojektionen ist auf der Bühne mitten im Publikum nichts weiter zu sehen. Nur gut trainierte junge Menschen und ihre wendigen Körper, umspült von Musik. „Das Varieté kann keine durchgehende Geschichte erzählen“, sagt Pabst, „nur Bilderwelten schaffen.“ Und die sollen diesmal „sinnlich und sentimental“ ausfallen. Im Gegensatz zu „Soap“ oder der von ihm 2008 inszenierten Wintergarten-Show „Hotel California“ setzt der auch am New Yorker Broadway, in Kanada oder in Paris inszenierende Gründer der Artistenschule „Base Berlin“ diesmal auf mehr Ruhe und Gefühl. Mit traditionellem Nummernvarieté hat „Versus“ mit seinem Ensemblespiel inklusive Tanzeinlagen nichts mehr zu tun.

Romy Seibt und ihre Kollegin Anke van Engelshoven, die für „Versus“ von einem mehrmonatigen Engagement beim Cirque du Soleil nach Berlin zurückgekehrt ist, vermissen den traditionellen Stil nicht. Im Gegenteil: „Ein festes Haus, wo Artisten mehrerer Disziplinen wochenlang gemeinsam an einer Show arbeiten, gibt es sonst in ganz Deutschland nicht.“ Und nach glamourösen Trikots haben sich die beiden eh nie gesehnt.

Markus Pabst, der im Mai auch Regie bei der Show „Made in Berlin“ im Wintergarten-Varieté an der Potsdamer Straße führt, legt viel Wert darauf, nichts gegen klassisches Varieté zu haben. Mit Zaubern, Jongleuren und so. „Aber Artisten, die 20 Jahre lang immer dieselbe Nummer spielen wollen, interessieren mich ebenso wenig wie Akrobatik als reine sportliche Höchstleistung.“

Wie er ausgerechnet auf die Melancholikertruppe Antony and the Johnsons als tragende Musik für „Versus“ kam? „Antony, das ist so ein Schrank“, zeigt Pabst mit den Armen, „und dazu trägt er so ein kleines Handtäschchen.“ Der trüge eben auch mehr als eine Welt in sich.

Chamäleon, Premiere 25. März, 20 Uhr, bis 31. August, Kartentelefon: 4000-590

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