Berlin : Spielzimmer

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VON TAG ZU TAG

Christian van Lessen über den Pariser Platz und das Wort von der „guten Stube“

Wolfgang Nagel, der einstige Bausenator, prägte den Begriff von der „guten Stube Berlins“, die der Pariser Platz wieder werden sollte. Damals, als der Platz Anfang der neunziger Jahre nach nichts aussah, weil noch nichts zu sehen war; als er wie leer gefegt wirkte und das Brandenburger Tor so allein und verloren in der Gegend stand, da brauchte es viel Phantasie, sich eine gute Stube vorzustellen. „Gute Stube“ – das hat was Feierliches und Gemütliches zugleich, und der Pariser Platz schien von beidem Lichtjahre entfernt.

Heute scheint jene Zeit wie aus einer anderen Welt. Der Pariser Platz hat längst seine Fassung mit Büro, Bank- und Botschaftsgebäuden erhalten. Auch wenn noch die gläserne Akademie der Künste unvollendet ist und der Bau stockt. Auch wenn die amerikanische Botschaft auf den längst fälligen Grundstein wartet: Am Aussehen wird und kann sich nicht mehr viel ändern.

Aber sieht so eine gute Stube aus? Der Platz ist eher zum Spielzimmer Berlins geworden. Hier spielt die Musik, aber nicht immer geschmackssicher, hier wird stets und ständig irgendetwas gefeiert, hier werden Preise verliehen, Rennen gelaufen, Buden errichtet und Buddy-Bären ausgestellt. Der Platz, so scheint es, muss für fast jeden Schnickschnack herhalten. Nun auch für einen großen überdimensionalen Ball, der in die Höhe ragt und weithin leuchtend von der Fußball-WM kündet. Vielleicht sieht das, wenn es fertig ist, sogar ganz schön aus. Vielleicht ist der große Ball aber auch so beherrschend, dass die Schönheit des Platzes kaum noch wahrgenommen wird.

Sagen wir es mal so: Der Pariser Platz ist auf dem Weg zur guten Stube. Er hat etwas Gemütliches, mitunter auch Feierliches. Er macht den Berlinern und ihren Gästen meist Spaß und die Stadt kann stolz auf ihn sein. Aber sie muss auch wissen, dass in eine gute Stube nicht unbedingt jedes Möbel passt.

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