Berlin : Spinnefeind

Am Ende der U7 trinken „die Deutschen“ – und manchmal schlagen sie zu. Heute wollen sich „die Türken“ rächen

Thomas Loy

Fünf Stunden lang hätten ihn die Beamten beim LKA ausgequetscht, sagt „Schneider“. Den genauen Inhalt des Verhörs kann der dürre, pickelige 16-Jährige mit der Beinahe-Glatze nicht recht zusammen fassen. Was zwischen seinen Zähnen hervorspritzt, sind meistens unflätige Beleidigungen gegen Polizisten, Sozialarbeiter und natürlich gegen die „Kanaken“ aus dem Ausland. Hervorheben möchte „Schneider“, dass er es war, der den Zivilpolizisten angriff und dafür ein paar Schläge in den Bauch bezog. Jetzt hat er eine Anzeige wegen Körperverletzung am Hals – die sechste Anzeige insgesamt. „Schneider“ zählt auf: Beamtenbeleidigung, Landfriedensbruch, schwere Körperverletzung, Volksverhetzung…

Es ist ungemütlich kalt an der „Rudower Spinne“, einem schlichten Verkehrsknotenpunkt im Süden Neuköllns. Hier steigen die Pendler aus der U-Bahn in ihren Bus um. Dabei passieren sie abends diverse Jugendgruppen. Die „Rechten“, auch „die Deutschen“ genannt, stehen vor dem Imbiss „Ketchup“, „die Türken“ treffen sich gegenüber vor einem Dönerladen, und vor dem Penny-Markt stehen die „neutralen Beobachter“.

Meistens wird friedlich herumgelungert, ab und zu randaliert und gelegentlich geht man aufeinander los – so wie am vergangenen Freitag. 20 „Deutsche“ gegen sieben „Türken“. Am Ende der Schlägerei gab es zwei Verletzte und diverse Anzeigen. Am heutigen Freitag erwarten die Rechten den „türkischen Gegenschlag“.

Die „Rudower Spinne“ gehört traditionell zu den Treffpunkten der rechten Szene. „Alle sechs bis sieben Monate gibt es eine Schlägerei“, sagt Rainer Hadan vom Kommissariat für Jugendgruppengewalt. Die Jugendlichen seien in ihrer rechten Gesinnung „ziemlich einfach strukturiert und kaum organisiert“. Zwei Streetworker versuchen, die Barrieren zwischen rechten und ausländischen Jugendlichen aufzubrechen. Sie veranstalten gemeinsame Diskos und bieten Kickboxen an.

Erst vor wenigen Wochen meldeten Polizei und Streetworker erste Erfolge. Die harte rechte Szene im Alter zwischen 15 und 21 Jahren sei von 50 auf 20 Mitglieder zusammengeschmolzen, sagte Peter Diebel, Leiter der Polizeiwache 51. Ältere, ideologisch geschulte Rechte seien zu straffer organisierten Gruppen abgewandert, hieß es. Zurück blieben Jugendliche, die zwar gewaltbereit seien, aber eher unpolitisch.

Erkan Bal vom Döner-Imbiss „bei Scheich“ im U-Bahnhof kennt viele rechte Jugendliche seit Jahren – ernst nehmen will er sie nicht. „Die kaufen bei mir – einem Türken – ihr Bier und oben rufen sie dann: Ausländer raus.“ An den Schlägereien seien aber auch die türkischen Jugendlichen nicht ganz unschuldig. „Die provozieren genauso. Auch Margarete Friedrich, die polnische Besitzerin vom „Ketchup“, beschwert sich nicht. „Die hören auf mich. Ich habe sie erzogen, die leeren Bierflaschen nicht mehr wegzuwerfen.“ Die Mädchen, die zu den neutralen Beobachtern am Penny-Markt gehören, halten die rechten Jungs überwiegend für „geisteskrank“. Das sagen sie ihnen auch direkt ins Gesicht. „Mir tun die nichts“, meint Melanie. Übrigens, der „Schneider“: „Wenn der alleine ist, haut der vor einem kleinen Türken mit einem Messer sofort ab.“

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