Berlin : Spinner, Patzer, Donnerwetter

Die Ferien sind zu Ende – das haben Sie in den zurückliegenden Wochen verpasst.

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Ganz schlecht für die Berliner Agenda: Die Ferien fangen am 21.Juni an, zum frühestmöglichen Termin. Da ist längst noch nicht alles abgearbeitet, der Christopher Street Day, Madonna, der Sommeranfang, alles noch offen. Na gut: Der Sommer schleicht sich sowieso durch die Hintertür rein, weitgehend unbemerkt. Es regnet, blitzt, donnert, und nur der Eichenprozessionsspinner mampft sich unbeeindruckt durch die Wälder der Region. Ausgerechnet der überlastete Flughafen Tegel macht eine gute Figur im Reisestress, während die Experten in Sachen BER mit dunklen Ahnungen in die Ferien gehen: Vier Milliarden Euro Minimum und 17. März 2013? Bloß nicht dran rühren.

21. Juni: Am Schloss, das eigentlich Humboldt-Forum heißt – oder ist es umgekehrt? –, patschen mehrere wichtige Herren unter Leitung von Bauminister Ramsauer gemeinsam auf einen roten Knopf. Soll heißen: Die Gründungsarbeiten beginnen, denen dann, wir freuen uns schon drauf, bis 2019 im gemessenen Abstand Grundsteinlegung, Baubeginn, Richtfest und Eröffnung folgen sollen. Die BVG greift noch mal tief in den Landeshaushalt und beschließt, 600 Millionen für neue Straßen- und U-Bahnen auszugeben. Aber auch für Autofahrer gibt’s ein Zuckerl: Die Avus soll im November fertig sein, zehn Monate früher als geplant. Ob die flinken Jungs dann mal nach der BER-Brandschutzanlage schauen?

25. Juni: Nicht zu früh freuen! Der neue Stadtteil, der einst die BND-Leute vor ihrer Umgebung verstecken soll, kostet bis auf Weiteres 1,4 Milliarden und wird 14 Monate später fertig, eine schöne Zahlensymmetrie, die weitere Hochrechnungen erleichtern wird. Occupy-Aktivisten beschießen das Schloss Bellevue mit Grundgesetzen, was außer der Presse niemand bemerkt, die WM-Fanmeile tendiert ins leicht Dumpfbackige, verliert aber dank Jogi Löws taktischen Glanzleistungen dann doch rasch den Wumm.

Ende Juni: Alle Verantwortlichen für den Patienten Berlin sind noch da, denken gar nicht dran, den Weg fürs Sommerloch frei zu machen. Der Innensenator verlangt mehr Geld vom Bund, der Denkmalrat will keine Glaswürfel am Schlossplatz, und, ach ja, der Zoopalast wird auch nicht rechtzeitig fertig. Und am Abend des 30. Juni wird die U 6 an der Friedrichstraße erst einmal gekappt.

1. Juli: In der Nacht räumt ein Gewittersturm mit chirurgischer Präzision kleinere Teile Tegels ab. Das Wetter bleibt vorerst wild, in der folgenden Nacht geht es in Tempelhof zur Sache, und der Blitz sucht sich seinen Weg in die Notrufzentrale der Polizei, wo er seiner Natur gemäß nichts Gutes anrichtet. Auch Klaus Wowereits Popularität stürzt ab, wie eine Umfrage deutlich macht. Als ewige Begleitmusik dient das Continuo der juristischen Auseinandersetzungen um die Flugrouten, die an der Sachlage nichts mehr ändern. Frage der Woche: Kommt es zur Zwangsversteigerung von Jagdfelds schnuckligem Quartier 206?

10. Juli: Nach und nach wird der Mord an einer 21-jährigen Pferdewirtin im ländlichen Lübars aufgeklärt, es geht um Lebensversicherungen für 2,1 Millionen Euro. Ja, wo leben wir denn? Auch neu bei der Polizei sind kriminelle Dachdecker, die vorher ganz billig, hinterher aber ganz teuer sind und offenbar auch sonst ziemlich unangenehme Zeitgenossen. Und, du liebe Güte, Hütchenspieler gibt es auch noch. Mitte Juli breitet sich nach Ansicht von Stadtkennern tatsächlich eine Art Sommerloch aus. Dem Wetter ist das recht, es regnet unaufhörlich mitten rein.

17. Juli: Der Senat ist aber immer noch da und beschließt das Teil-Ende der unerfreulichen Affäre ums Berliner Wasser: Er will den RWE-Anteil an den Wasserbetrieben zurückkaufen. Rund um die Brandschutzanlage in BER herrscht reges Treiben, alle wollen das Monster mal anschauen, ein Stresstest steht bevor und die Mitglieder der Piratenfraktion äugen kritisch zwischen den Rohren herum. Fazit: Es handelt sich gewissermaßen um die Sixtinische Kapelle der Brandschutzanlagen, nur dass weit und breit kein Michelangelo in Sicht ist.

24. Juli: Immerhin gelingt der Test der Anlage in dem Sinne, dass sämtlicher Rauch trotz simulierter Stromausfälle „sicher abgeführt“ wurde. Was das bedeutet, wird sich zeigen – vorerst nur, dass die Eröffnung am 17. März nicht unmöglich ist. Allerdings gibt es schon wieder Ärger, weil die Mitglieder von Ramsauers SoKo ausgeladen worden waren und nun schäumend in ihrem Büro Berichte lesen.

26. Juli: In Hosena bei Senftenberg kracht abends ein Güterzug auf einen anderen, entgleist und räumt das an der Strecke stehende Stellwerk ab. Der Stellwerksmeister stirbt in den Trümmern.

Ende Juli: Der Senat kann eine tröstliche Gewissheit in Sachen Flughafen vermitteln: Dieser versinkt nicht im Boden. Piraten-Fraktionschef Lauer hatte so etwas geargwöhnt und den Senat befragt. Man sieht also, dass die Piraten ihre Kontrollfunktion bitter ernst nehmen. Viel Lärm um nichts gibt es auch am 30. Juli in der Oranienburger Straße, wo die Polizei Alarm gibt. Ein Radler hat einen Gegenstand in der Kanalisation versenkt. Wie sich herausstellt, handelte es sich um eine höchst legale Grundwassersonde.

1. August: Der neue Technikchef des Flughafens, Horst Amann, tritt seinen Dienst an. Zur Sache sagt er nichts, will prüfen und mit Leuten reden. Dem lauen Sommer, so scheint es, folgt ein heißer Berliner Herbst. Bernd Matthies

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