Berlin : Spione wie wir

Mit der neuen BND-Zentrale wird Berlin nun auch real zur Hauptstadt der Agenten. Für Schriftsteller wie John le Carré und Regisseure wie Alfred Hitchcock war sie es längst

Andreas Conrad

Ihr Name ist Bond, Mata Bond – illegitime Tochter von Sir James Bond, ehemals Geheimagent Ihrer Majestät, Dienstnummer 007, und der schönen Mata Hari. Das Gewerbe der Eltern erlernt sie in einer Westberliner, von Mama gegründeten Spionageschule nahe der Mauer, als Kunstakademie getarnt und geleitet von einer Frau Hoffner, die ausgewogen „russische Spione für Amerika und amerikanische Spione für Russland“ trainiert. Eine originelle Idee, aus der parodistischen Verfilmung von „Casino Royale“, Ian Flemings erstem Bond-Roman, 1966 mit David Niven gedreht. Die Berliner Spionageschule war aber zugleich ein zu faszinierender Einfall, als dass man ihn allein der Fiktion überlassen durfte. So werden sich wieder einmal diejenigen bestätigt fühlen, die die Wirklichkeit allzu oft durch die Kunst vorweggenommen sehen. Denn wenngleich die neue BND-Zentrale, deren Grundstein diese Woche gelegt wurde, auf Tarnung verzichtet – Agentenhort bleibt Agentenhort, und eine Schule für Spione gibt es auch.

Das haben die Verantwortlichen hoffentlich mit bedacht, als sie den Bundesnachrichtendienst an die Spree holten: dass er damit in der Stadt angelangt ist, die während des Kalten Krieges Hauptstadt der Spione war, wichtigstes Schlachtfeld in ihrem Versteckspiel, was gerade auch die Schreiblust der Roman- und Drehbuchautoren inspiriert hat und zu einem zentralen Mythos der Frontstadt wurde. Durch Berlin verlief eben nicht nur die sichtbare Mauer, sondern ebenso „Die unsichtbare Front“, so der Titel eines Buches über den „Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin“, geschrieben 1997 von einem kundigen Autorentrio, darunter zwei Ex-Topleute von CIA und KGB. Vorgestellt wurde es gemeinsam mit dem Spionagetunnel, den Amerikaner und Briten Mitte der fünfziger Jahre von Rudow nach Altglienicke gebuddelt hatten, um Telefone der Russen anzuzapfen, und dessen Reste nun wieder aufgetaucht waren.

Der Termin am Tunnel musste auch die Liebhaber von Spionageromanen und -filmen interessieren, war jener doch wenige Jahre zuvor Schauplatz eines erfolgreichen, von John Schlesinger mit Anthony Hopkins und Isabella Rossellini verfilmten Thrillers gewesen: „Unschuldige“ von Ian McEwan. Der Brite hatte Berlin kurz nach dem Mauerfall besucht und war auf den alten Spionagefall gestoßen, vor dessen Hintergrund er die Liebesgeschichte zwischen einem englischen Fernmeldetechniker und einer Deutschen entwarf. Ausgeliehen vom British Post Office, hilft Leonard Marnham den Geheimdienstleuten beim Abhören der Russentelefone, findet privates Glück im Bett der schönen Maria und profitiert sogar vom Auffliegen der Abhöraktion, die den Sowjets durch einen Überläufer (auch in der Realität) von Anfang an bekannt war: Die beiden Koffer mit dem in Einzelteile zerlegten Ehemann Marias, die er kurz vorher im Abhörraum auf Ostberliner Seite deponiert hatte, sind so elegant entsorgt.

Die Agentenmetropole Berlin hat die Fantasie von Schriftstellern und Regisseure stets heftig beflügelt, zum magischen Ort wurde dabei die Glienicker Brücke, auf deren Ersatzkulisse – das Original schied als Drehort aus – sich 1972 in „Die Schlange“ Yul Brynner in der Rolle des KGB-Obersts Wlassow zum Agentenaustausch einfindet. Bestsellerautor Len Deighton dagegen ließ in „Finale in Berlin“, 1966 mit Michael Caine verfilmt, den britischen Topagenten Henry Palmer die Flucht des Ostberliner KGB-Chefs vorbereiten. Das entpuppt sich als falsches Spiel der Geheimdienste, ähnlich wie in „Der Spion, der aus der Kälte kam“ von John le Carré, dem berühmtesten Roman dieses Genres, dessen Titel fast zur festen Wendung wurde. Im Mittelpunkt steht Alec Leamas, beim britischen Secret Service Leiter des Berliner Büros, der als scheinbarer Überläufer beim DDR-Geheimdienst eingeschleust wird, um dort einen Topmann auszuschalten – eine doppelte Täuschung, wie er zu spät erkennt. Leamas und seine Freundin enden im Kugelhagel an der Berliner Mauer.

Selbstverständlich wurde auch dieser Thriller verfilmt, 1965 mit Richard Burton in der Hauptrolle, Berlin samt Mauer hatte man in Dublin nachgebaut. Ähnlich machte es Alfred Hitchcock, als er wenig später mit Paul Newman „Der zerrissene Vorhang“ drehte, die Geschichte eines US-Wissenschaftlers, der scheinbar nach Ost-Berlin überläuft, um so das Wissen eines DDR-Kollegen abzuschöpfen. John le Carré und der ehemalige DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf haben stets bestritten, dass Letzterer Vorbild für die Figur Karla in „Der Spion, der aus der Kälte kam“ war. Hitchcock hingegen machte keinen Hehl daraus, dass er auf den Fall der britischen Diplomaten Guy Burgess und Donald Maclean anspielte, die sich 1951 unter großem Medienrummel in die Sowjetunion abgesetzt hatten.

Auch Ian Fleming wählte Berlin zum Handlungsort eines Bond-Abenteuers. Am 4. Februar 1962 erschien in der „Sunday Times“ die Kurzgeschichte „The Living Daylights“, bald darauf im US-Magazin „Argosy“ unter dem Titel „Berlin Escape“ nachgedruckt. 007 erhält darin den Auftrag, am Checkpoint Charlie einen russischen Scharfschützen auszuschalten, der die Flucht eines Überläufers verhindern soll. Der Attentäter erweist sich als schöne Cellistin, so dass Bond nur auf ihr Gewehr zielt. Die Episode wurde 1987 in „Der Hauch des Todes“ mit Timothy Dalton eingebaut, verlegt nach Bratislava.

Dalton-Vorgänger Roger Moore hatte es vier Jahre vorher tatsächlich nach Berlin verschlagen, bei den Dreharbeiten zu „Octopussy“, dessen Vorlage noch ohne Berlin-Bezug war. In einer der ersten Szenen wird Agent 009 in Ost-Berlin erstochen, später rollt Bond mit seinem Chef M über den Kurfürstendamm und schleust sich über Checkpoint Charlie in die DDR ein. Drehort war auch die Avus, Schauplatz einer im Film nach Bayern verlegten Verfolgungsjagd zwischen Bond im Lancia und der Polizei in 5er BMWs. Und wieder wurde damit die Wirklichkeit vorweggenommen. Erst zwei Jahrzehnte später sollte man Polizei mit BMWs auf Berliner Straßen sehen, und wieder hinterließen sie den Eindruck, als wären sie darin einem wie Bond alles andere als gewachsen.

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