Berlin : Spitze Entbindung

Tanja Buntrock

Sandra Klaucke macht es sich erst einmal richtig bequem auf der Liege. Dass sie gleich mit mehreren Nadeln gepiekst wird, ängstigt sie kein bisschen. Die 35-jährige Hochschwangere lässt die Behandlung freiwillig über sich ergehen - eben gerade, weil der Geburtstermin bevorsteht. Hebamme Christiane Klöber tastet zunächst ganz sanft bestimmte Hautstellen ab und sticht die Akupunkturnadeln dann gezielt hinein. Am Oberkopf, am Schienbein, über dem Knöchel - jeweils auf beiden Seiten des Körpers. Wie fast alle Hebammen auf der Station, ist sie speziell für die Behandlung ausgebildet worden. Sandra Klaucke empfindet das Nadeln nicht als unangenehm. Sie sagt, sie spüre nur ein leichtes Ziehen, das schnell wieder aufhöre. Dann liegt sie ganz entspannt da mit ihrem Baby-Bauch - gibt sich den Tönen hin, die durch das Behandlungszimmer fluten: chinesische Musik von der CD.

Seit zweieinhalb Jahren bietet das Vivantes-Klinikum am Urban jeden Donnerstag ab 14.30 Uhr für zwei Stunden eine Akupunktur-Sprechstunde für Schwangere ab der 36. Woche an. Die Frauen bekommen zwischen fünf und zehn Nadeln gesetzt, die 20 Minuten in der Haut stecken bleiben. Sie stimulieren ganz bestimmte Punkte am Körper, die speziell auf den Gebärmutterhals einwirken: das Gewebe soll dann weicher werden. Welcher Punkt sich auf welches Organ wie auswirkt, ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) seit mehr als 5 000 Jahren festgelegt.

Vor allem an Erstgebärende richtet sich diese Behandlungsmethode: Bei ihnen seien die Angst vor der Geburt und auch die Schmerzen während der Entbindung normalerweise stärker als bei Frauen, die schon mehrere Kinder zur Welt gebracht hätten, sagt die Hebamme. Das Nadeln hat sein Gutes: "Die Frauen haben bei der Geburt ihres ersten Kindes tatsächlich weniger Schmerzen, die Babys von akupunktierten Frauen erblicken früher das Licht der Welt", ist Christiane Klöber überzeugt. Dass dies wirklich so ist, basiert keineswegs nur auf Erfahrungswerten, die die Hebamme gesammelt hat, es ist sogar nachweisbar.

Im vergangenen Jahr führte Ärztin Viktoria Birkner zusammen mit Hebammen der Gynäkologie am Vivantes-Klinikum am Urban eine Studie durch. 99 Erstgebärende wurden zur Geburtsvorbereitung akupunktiert. Die Kontrollgruppe bestand aus 103 nicht akupunktierten Erstgebärenden. Das Resultat: "Die erste Geburtsphase, in der sich der Muttermund öffnet, war bei den genadelten Frauen knapp zwei Stunden kürzer, als bei den anderen", sagt Werner Mendling, Chef der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe. Zudem benötigten die akupunktierten Frauen weniger wehenfördernde Medikamente. Auch Kaiserschnitt-Geburten waren bei diesen Frauen seltener. "Man kann allgemein sagen, dass die Geburt bei akupunktierten Frauen weniger kompliziert ist", sagt der Gynäkologe.

Außerdem können die Nadeln auch noch nach der Entbindung hilfreich sein. "Der Fluss der Muttermilch wird dank der Akupunktur gefördert, die Gebärmutter bildet sich schneller zurück und die schmerzhaften Nachwehen werden erheblich reduziert", sagt die Hebamme.

Eine geburtsvorbereitende Akupunktur-Behandlung können all jene Frauen bekommen, die im Vivantes Krankenhaus am Urban auch entbinden wollen. Die Nadel-Behandlung kostet dann nichts. "Das gehört bei uns sozusagen zum Schwangeren-Service", sagt Werner Mendling. Das ist trotz des erheblichen Personalaufwands möglich, denn die Behandlung ist Basis einer Studie. "Wir haben der Vivantes-Geschäftsführung aber schon Vorschläge gemacht, wie wir zukünftig verfahren können, damit die Akupunktur-Sprechstunde weiter so bestehen bleiben kann", verrät Mendling. Ergänzende Studien sind geplant. Mittlerweile bieten auch andere Berliner Krankenhäuser diese Methode an, "doch statistische Auswertungen haben nur wir bisher dazu gemacht", sagt Mendling.

Sandra Klaucke öffnet ihre Augen, die 20 Minuten sind um. Wenn alles wie geplant läuft, kommt sie noch zweimal zur Sprechstunde. Dann hat die Piekserei ein Ende. Ein kleiner Schreihals verlangt dann ihre ganze Zuwendung.

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