Berlin : Spitze Federn statt lautem Jazz

Cay Dobberke

Seit vorigem Herbst führt die Kneipe "Aue" an der Berliner Straße 48 ein Schattendasein, weil das Bezirksamt Wilmersdorf die sonntäglichen Jazz-Frühschoppen mit Livemusik untersagt hatte. Nun aber versucht es der Wirt Bernd-Dietrich Beyer, genannt "Pep", mit einem ganz anderen Konzept: Von sofort an ist das urige Lokal eine Karikaturistenkneipe. Die Idee kam Beyer, weil sich einige Cartoonisten bei ihm ohnehin schon regelmäßig am Stammtisch treffen.

Zum Auftakt wird am kommenden Sonntag um 19 Uhr die Ausstellung "Gastronomische Cartoons" von Manfred Bofinger eröffnet. Der Zeichner und Autor liest dabei aus seinem Buch "Der krumme Löffel". An jedem ersten Sonntag im Monat folgen neue Ausstellungen. Nach Bofinger kommen zunächst Hilke Raddatz, Rainer Hachfeld und Fritz Weigle alias F.W. Bernstein an die Reihe. Zu den weiteren Cartoonisten, mit denen Wirt Beyer im Gespräch ist, gehört auch Tagesspiegel-Karikaturist Klaus Stuttmann. Jeweils im Sommer soll es außerdem Retrospektiven mit Werken verstorbener Zeichner geben. Gedacht ist zum Beispiel an eine Zille-Schau.

Die Wände der Gaststube bieten Platz für je 18 Bilder. Diese soll man "zu niedrigen Preisen" kaufen beziehungsweise bestellen können. In der "Aue" gab es seit 1973 bereits mehr als 300 Ausstellungen mit Bildender Kunst. "Aber das Interesse daran ist stark gesunken", beklagt Beyer. Als Karikaturistenkneipe werde sein Lokal hingegen einzigartig in Berlin sein, jedenfalls gebe es andernorts keine ständigen Cartoon-Ausstellungen, sagt der Wirt.

Die über den Bezirk hinaus bekannten Jazz-Frühschoppen mussten, wie berichtet, wegen Beschwerden von Hausbewohnern eingestellt werden. Eine Konzession für Live-Musik hatte Beyer nie beantragt, weil er es für unmöglich hält, die 90 Jahre alte Gaststätte nachträglich mit Lärmschutzwänden auszustatten. 25 Jahre lang waren die wöchentlichen Sessions stillschweigend geduldet worden, doch nach den Beschwerden sah sich das Wirtschaftsamt gezwungen, ein Bußgeld von 10 000 Mark anzudrohen. Beyer sagt, er könne zwar immer noch beim Senat bis zu 18 Sondergenehmigungen pro Jahr beantragen, doch koste jede Erlaubnis 300 Mark. Er wolle diese Möglichkeit höchstens in Anspruch nehmen, wenn er seine Räume wieder einmal für private Feiern vermiete.

Medienberichte über das Ende der Frühschoppen hatten laut Beyer eine ungeahnt negative Wirkung: Viele Stammgäste hätten irrtümlich an eine Schließung des Lokals geglaubt. Tatsächlich aber denkt der 60-Jährige nicht daran, die "Aue" aufzugeben. Die Kneipe öffnet täglich um 15 Uhr. "Es sind nur vier bis fünf Stunden Live-Jazz am Sonntagnachmittag fort gefallen", betont der Chef.

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