Spleen24 aus Berlin : Ein Blog für jede Macke

Es gibt Menschen, die auf jeder Toilette die Klopapier-Rollen umdrehen. Sie können nicht anders. Auf einer Internetseite können Berliner nun von ihren Spleens berichten – und finden Gleichgesinnte.

Simon Grothe
Bean mit Spleen. Wenn einer Ticks hat, dann ist wohl die Kunstfigur des Mister Bean.
Bean mit Spleen. Wenn einer Ticks hat, dann ist wohl die Kunstfigur des Mister Bean.Foto: dpa

Die Klopapier- Rolle muss immer so hängen, dass man das Papier nach vorne hin abrollen kann. Finde ich irgendwo ein ,falsche‘ Rolle, drehe ich sie um.“ 1550 Menschen geben zu, diese zwanghafte Angewohnheit zu haben. Auf dem Blog „spleen24“ können Menschen anonym von ihren sonderbaren Eigenschaften berichten – und andere können mit dem „Ich auch!“-Button direkt unter dem Eintrag ihre Zustimmung kundtun. Spitzenreiter mit 1906 Gleichgesinnten ist derzeit folgender Beitrag: „Beim Einkaufen greife ich nie nach der ersten Verpackung im Regal. Ich mag es nicht, wenn jemand vorher an meinem Duschgel gerochen hat.“

Christian Brandes hat Spleen24 gegründet. Wenn er nervös ist, reißt er sich Nasenhaare aus.
Christian Brandes hat Spleen24 gegründet. Wenn er nervös ist, reißt er sich Nasenhaare aus.Foto: dpa

Jeder hat irgendeinen Tick, einen Spleen, irgendeine irrationale Verrücktheit, für die er sich schämt. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass es noch andere Leute gibt, die die gleiche Eignerschaft haben. „Bist nur du bescheuert oder sind wir es alle zusammen?“, das ist das Motto des Blogs, gegründet von Christian Brandes. Der 31-jährige Berliner wurde mit seiner Internetseite „Spiegel Offline“ als Chronist des Blödsinns bekannt, die Seite heißt inzwischen Schlecky Silberstein und zeigt Blödeleien zwischen Tiervideos und Toiletten. „Ich stehe auf Oberblödsinn“, sagt er, „Schlecky Silberstein ist genau das, was ich machen möchte.“ Ursprünglich kam Brandes aus Bremen zum Studieren nach Berlin. Das BWL-Studium hat er abgebrochen, zwischenzeitlich arbeitete er als Werbetexter. Vor einem Monat hat er sich mit Schlecky Silberstein selbstständig gemacht, die Werbeeinnahmen reichen inzwischen zum Leben.

Monster lauern unterm Bett

Die höchsten Nutzerzahlen hat Brandes während des Arbeitstags, von 8 bis 19 Uhr, danach fällt die Kurve ab. „Die Leute gehen in Mikrourlaube und wollen – egal wo sie grade sind – kurz etwas Lustiges sehen“, sagt er. Etwas Lustiges, das sind beispielsweise Fotos von Kindern, die neben gruseligen Osterhasen posieren.

Die Idee für den neuen Blog entstand in der Silvesternacht, als viele aus seinem Freundes- und Familienkreis Vorsätze für das kommende Jahr fassten. Brandes dachte über seine eigenen Macken nach – und fing an, sich selbst eine Liste mit merkwürdigen Eigenschaften zu machen. „Ich springe immer mit Anlauf auf mein Bett, damit niemand unter dem Bett meine Knöchel packen kann.“ Die Liste wurde länger und länger. Dann kam ihm die Idee mit dem Blog. „Ich wollte anonym abgleichen, ob ich mir Sorgen machen muss oder ob auch andere den gleichen Tick haben“, sagt er.

Hält sonst noch jemand die Luft an, wenn unsympathische Menschen vorbeigehen? Reißt sich sonst noch jemand die Nasenhaare aus, wenn er nervös ist? Es klappte: Bei den Nasenhaaren klickten 100 Nutzer des Blogs den „Ich auch“- Knopf. Der Bloggründer spricht von einer „demokratischen Macke“. Wer „Ich auch“ klickt, bekommt ein wenig Trost zugesprochen. „Danke, geteilte Beklopptheit ist halbe Beklopptheit“, ploppt dann für kurze Zeit auf. Etwa 50 Spleens kommen täglich hinzu, jeder kann mitmachen. „Anscheinend haben viele das Bedürfnis, ihren Beitrag zur Absurdität zu leisten“, sagt Christian Brandes. Oder sie suchen tatsächlich nach Zustimmung, nach Gleichgesinnten.

Spleens sind nicht heilbar, ein Faultier soll helfen

Spleen24 gibt es seit vier Monaten, eine verhältnismäßig lange Lebensdauer für Internetkuriositäten. Brandes glaubt an Blogs, die anonym und von allen geschrieben werden: „So könnte die Zukunft aussehen“, sagt er.

Laut dem Blog kann man einen Spleen übrigens nicht heilen, alternativ wird vorgeschlagen, sich ein Video mit einem Faultier in einer Hängematte anzugucken. Etwa sieben Sekunden lang wird man von dem Faultier angestarrt. Irgendwie muss man dabei an Tom Berners-Lee, den Erfinder des Internets, denken. Er sagte: „Ich habe das World Wide Web erfunden, weil ich es brauchte, ich war frustriert, dass so etwas noch nicht existierte.“ Das Faultiervideo läuft in einer Dauerschleife.

Der neueste Service von Schlecky Silberstein ist das Programm „Unfriendr“. Es zeigt Nutzern des sozialen Netzwerks Facebook an, welche „Freunde“ sie bedenkenlos löschen können. Statt einem raffinierten Algorithmus ploppt eine Liste mit allen Freunden auf, denen der Rapper MCFitti gefällt. „Ich hätte auch einen anderen nehmen können“, sagt Brandes und schmunzelt. „Irgendjemand musste für den Gag herhalten.“

Zurück zu den Spleens. Am absurdesten findet Brandes den Tick, aufzuräumen, bevor die Putzfrau kommt. Keiner soll denken, man lebe im Chaos, obwohl man dafür bezahlt.

Die Sache mit der Klorolle ist übrigens verzwickt. Denn der Blogeintrag geht noch weiter. „Hier bei uns im Büro-Klo bin ich ständig am Korrigieren“, heißt es da. Vermutlich gibt es jemanden, der denselben Tick hat – nur umgekehrt.

Wer selbst einen Tick hat und diesen teilen möchte,

kann das unter: www.spleen24.tumblr.com

Noch mehr Quatsch gibt’s auf:

www.schleckysilberstein.com

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