Sportschützen : Nichts für Ballermänner

Die Schützengilde Korporation feiert in Wilmersdorf ihr 575-jähriges Bestehen Waffennarren sind in dem Sportverein allerdings unerwünscht.

Thomas Loy
Schützin Natalie
Schützin Natalie hat vor allem männliche Vereinskollegen. -Foto: Steinert

Die letzten 75 von den 575 Jahren waren sicher die schwierigsten. Indienstnahme durch die Nazis, Enteignung des Vereinsgrundstücks durch die Kommunisten, Verweigerung der Rückgabe und, vor zwei Jahren, die erneute Vertreibung. 573 Jahre alt geworden, und dann muss man einem schnöden Discounter Platz machen. Das hätten sich die Berliner Schützen in den Jahrhunderten zuvor nicht bieten lassen. Da hätten sie zur Muskete gegriffen …

„Wollnse mal ’ne Waffe sehn?“ Das zieht immer, wenn Besuch kommt. Sportwart Horst Hänszke, ein stattlicher Bariton mit Winchester-Gürtelschnalle und schwarzem Hemd, vermittelt diese Mischung aus Kühnheit und Gelassenheit, die einen Schützen auszeichnen sollte. „Leute, die nur ballern wollen“ oder „Waffennnarren“ erkennt er schon an ihrer Art, die Pistole zu halten, „mit feuchten Händen“, wie einen Fetisch. „Die werden hier nicht geduldet.“

Kleinkaliber, Großkaliber, Parabellum, 9 Millimeter – alles nur blanke Materie. Die Patronen wie Goldzähne mit Bleifüllung, das Stück für 20 Cent. Wirken am Menschen tödlich, hinterlassen bei fachgerechter Behandlung aber nur ein rundes Loch in der Zehn. Um dem Sportschützenwesen den letzten, noch anhaftenden Geruch von Jagdinstinkt zu nehmen, wurden die Figurenscheiben abgeschafft und die Tontauben vorsichtshalber in Wurfscheiben umbenannt. Wurfscheiben schießen ist Hänszkes Lieblingsdisziplin. Auf Tauben würde er niemals zielen.

Am gestrigen Samstag sollte also die Feier zu diesem merkwürdigen Jubiläum steigen. Die „Schützengilde Berlin Korporation“, ansässig in Wilmersdorf, Forckenbeckstraße 17a, ist der zweitälteste Sportverein der Stadt. Älter ist nur die Schützengilde zu Spandau von 1334. Sportwart Hänszke hat vergessen, welche Quelle genau das Gründungsdatum 1433 belegt, aber es gebe ein Dokument, bestimmt. Auf der Internetseite des Vereins wird das Gründungsjahr als „fiktiv genau“ beschrieben, eine waghalsige Konstruktion, aber weil das Alter Berlins auch nur im Ungefähren bestimmt ist, lassen wir es mal so gelten.

Kurz vor dem großen Festtag ereilte die Schützen erneut ein Unglück. Die Luftfilteranlage im Kleinkaliber-Schießstand ist ausgefallen. Schon wieder. Die Schützen fluchen innerlich, nach außen bleiben sie gelassen. Wie sollen sie jetzt, zum Jubiläum, den König ausschießen? Man wird ausweichen müssen auf den Schießstand für Luftgewehre und -pistolen. Ohne Feuer und giftigen Zündpulverstaub.

Früher, also ganz früher, waren sie ja sowas wie Paramilitärs, die Mannen der Berliner Schützengilde, honorige Stadtbürger von Rang und Namen, die im Ernstfall die Stadtmauer zu verteidigen hatten, und, wenn es nichts zu verteidigen gab, auf einen Holzvogel schossen. Das Vogelschießen gibt es heute noch, ermittelt werden der Vogelkönig, seine Königin und der „Schwanzkönig“. Darin ließe sich die Tradition erkennen, sagen die Schützen. Oder auch an den Schützenröcken, den Uniformen. Um mehr Nachwuchs anzulocken, wurde die Verpflichtung zur Anschaffung eines Schützenrocks allerdings kürzlich aus der Satzung gestrichen.

Frederik Müller, 26, vor einem Jahr eingetreten, wird sich trotzdem einen Rock schneidern lassen. Er kam zur Gilde gerade wegen der langen Tradition. Und weil ihm die Geselligkeit gefiel. Ein wenig knapp sind noch die aktiven Gildefrauen, zehn von hundert Mitgliedern sind weiblich.

Vor dem Krieg gab es nur Männer, berichtet der älteste aktive Gildeschütze, Georg Grötzner, 81 Jahre, 70 davon im Schützenverein oder als Scharfschütze im Krieg. Von der HJ, wo auch geschossen wurde, warb ihn der Schützenverein zu Neiße an der Neiße, Oberschlesien, ab. Dann wurde er zweimal Oberschlesienmeister. 1942 durfte er zur deutschen Meisterschaft nach Innsbruck fahren. Schießen, sagt Grötzner, bedeute, dass der Kopf über den Körper herrscht. Die totale Konzentration. Besonders geeignet für zappelige unruhige Kinder.

Nachwuchsprobleme hätten sie nicht, sagt Pressereferent Jürgen Gärtner und zeigt auf seine Tochter, die unbedingt deutsche Meisterin werden wolle. Wegen des Schießens, sagt die Tochter, 15 Jahre alt, werde sie in der Schule nicht gehänselt. Das sei akzeptiert als normaler Sport wie Fußball oder Schwimmen.

Wer mal hineinschnuppern möchte, ins Schießen, kann einfach beim Training der Schützen vorbeischauen, bekommt ein Luftgewehr in die Hand und darf abdrücken. Armbrustschießen ist auch möglich, wegen der Tradition, aber Gärtner winkt ab. „Das macht kaum noch jemand.“ Thomas Loy

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