Berlin : Sportsgeist und Ungeist Das Olympiastadion – eine lange Geschichte

Falk Jaeger

Wenn in Sportstätten nicht Sport getrieben, sondern Geschichte gemacht wird, bedeutet dies selten etwas Gutes. Man denkt an Goebbels’ Brandrede 1943 im Sportpalast, man denkt an den Terror 1972 bei den Olympischen Spielen in München oder an die Internierungen 1973 im Fußballstadion von Santiago de Chile. Doch nie ist eine Sportstätte so zielgerichtet und umfassend zum politischen Ort umfunktioniert worden wie in den 30er Jahren das Reichssportfeld in Berlin. Aber auch vorher und bis zum heutigen Tag hatte der „Geschichtsort Olympiagelände“, so der Titel des Buches zur Dokumentationsausstellung, ein hochpolitisches Schicksal.

Die Eckdaten: 1909, 1936 und 2006. Es begann mit einer Pferderennbahn 1909, und es war der Berliner Architekt Otto March, der vier Jahre später im Innenraum der Rennbahn das „Deutsche Stadion“ als olympische Sportstätte errichtete. Doch 1916 gab es statt friedlicher Wettkämpfe im Grunewald Grabenkriege in Flandern. Und als die Spiele für das Jahr 1936 nach Berlin vergeben wurden, war Adolf Hitler an der Macht und sah in dem Weltspektakel die Gelegenheit, die olympischen Spiele innen- und außenpolitisch zu instrumentalisieren.

Sein Ziel verfolgte er auf drei Wegen. Die Spiele sollten durch Architektur und Organisation die Größe und Macht des Dritten Reichs unter Beweis stellen, die deutschen Sportler waren gehalten, durch ihre Leistungen alle anderen Nationen in den Schatten zu stellen, und schließlich sollten Sport, Nationalstolz und Vaterlandsliebe zu einem mächtigen Gefühl verschmolzen werden, das sich in militärische Macht ummünzen ließ.

Die baulichen Anlagen formte Otto Marchs Sohn Werner nach den Vorstellungen Hitlers im schweren Reduktionsklassizismus der NS-Repräsentationsarchitektur. In axialer Anlage organisierte er den Olympischen Platz, das neue, gegenüber dem alten etwas verschobene Stadion, das Aufmarschgelände Marsfeld und die „Westwall“ genannte Tribünenanlage mit dem Glockenturm als Blickpunkt und Abschluss. Sowohl das Aufmarschgelände als auch das Skulpturenprogramm und die „Langemarckhalle“ unter der Westtribüne gehörten zur militärischen Codierung des Sports.

Schon 1928 wurde das Gedenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen aufopferungsbereiten Heroen der Schlacht bei Langemarck in Flandern von national eingestellten Teilen der Turnbewegung wach gehalten, obwohl die Schlacht bei Licht besehen ein militärisches Desaster gewesen war. Hitler forcierte diese vaterländische Bewegung und die Militarisierung der Turnerschaft und brachte die Langemarck-Rituale unter die Kontrolle der NSDAP. Dem Mythos leistet er durch den Bau der Langemarckhalle als Gedenkstätte im Olympiagelände Vorschub.

Verdrängte und vergessene Geschichte also, aber auch Geschichten wie das Schicksal der Olympiaglocke, die Fußball-WM 1974 und der Aufstieg zum Austragungsort für Pokal- und WM-Endspiel 2006 werden in den Kurzkapiteln des Buches in leicht lesbarer Form thematisiert.

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