Berlin : Sportstadt Berlin: Für Nachtschwärmer geöffnet

Matthias Wagner

Berlin ist eine Sportstadt. Vereine wie Hertha BSC, die Capitals, die Eisbären und Alba sind Aushängeschilder und verfügen über eine riesige Fangemeinde. Und auch der Breiten- und Freizeitsport boomt. Allein die Mitgliedszahlen des Landessportbundes (LSB) sprechen für sich: Mit rund 535 000 Aktiven in mehr als 2000 Vereinen zählt der LSB zu den größten Organisationen in der Stadt. Geht es jedoch um die Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung für jedermann, fällt die Bilanz weniger euphorisch aus. "Berlin hat zu wenig Sportstätten. Viele davon befinden sich in einem desolaten Zustand", sagt LSB-Präsident Peter Hanisch.

Vor allem im Ostteil der Stadt sei die Lage ziemlich kritisch. Hanisch sieht einen "Sanierungsstau" von rund zwei Milliarden Mark bei den etwa 1300 Sportplätzen und Turnhallen. Große Anlagen wie das Olympiastadion oder die Deutschlandhalle sind in der Aufstellung noch nicht einmal enthalten.

Rund 100 Millionen Mark pro Jahr stellt die Landesregierung in dieser Legislaturperiode für die Sanierung von Schul- und Sportanlagen zur Verfügung. Wenn tatsächlich die Hälfte dem Sport zugute kommen sollte, wäre dies nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein, meint Hanisch. Angesichts der Sparzwänge der Politik ist auf absehbare Zeit aber keine Besserung in Sicht. "Wir müssen mit ansehen, wie uns die Sportstättensubstanz in Berlin unter den Fingern zerfällt", sagt der LSB-Präsident. Er macht eine einfache Rechnung auf. Mit jährlichen 100 Millionen Mark würde es 20 Jahre dauern, bis alle Anlagen auf Vordermann gebracht sind. Dass von Jahr zu Jahr weiterer Sanierungsbedarf hinzukommt, bleibt dabei unberücksichtigt.

Hanisch weiß aber auch, dass das Lamentieren und die ständigen Forderungen nicht weiterhelfen. Vielmehr geht es dem LSB darum, nach Wegen zu suchen, wie dem steigenden Interesse an sportlicher Betätigung mit den vorhandenen Möglichkeiten Rechnung getragen werden kann. Bei der Suche nach "inneren Reserven" wurde Mitte Juli die Idee der "Mondschein-Nutzung der Sportstätten" geboren. Der nüchterne Zweck dieser romantisch klingenden Initiative ist es, die Sportanlagen länger als bisher nutzen zu können.

Bereits in den vergangenen fünf Jahren wurden in den Bezirken mit den Sportvereinen "Schlüsselverträge" abgeschlossen, mit denen die Nutzer die Verantwortung für die Sportanlagen zwischen 16 und 22 Uhr übernehmen. Die Resonanz war äußerst positiv, 500 Vereinbarungen wurden unterzeichnet. Damit können laut LSB pro Standort jährlich etwa 15 000 Mark an Vergütungen für Hallen- und Platzwarte eingespart werden. Für das Land Berlin ergibt sich eine Einsparsumme von 7,5 Millionen Mark jährlich.

Die jüngste Initiative des LSB sieht vor, diese Verträge auf eine Nutzungszeit bis 24 Uhr auszudehnen. Bei vier jeweils anderthalbstündigen Übungseinheiten zwischen 16 und 22 Uhr könnte eine fünfte angehängt werden. Grünes Licht gibt es bereits bei rund einem Dutzend Sportstätten in Kreuzberg, berichtet Hanisch. Die bisherige Kapazität werde damit um 25 Prozent erhöht. Sollte dies bei 400 Sportanlagen gelingen, wäre dies ein "Äquivalent für 100 ansonsten unbezahlbare Neubau-Sportstätten".

Obwohl Hanisch nicht auf Anhieb mit einem Run auf die Hallen um diese Zeit rechnet, sieht er doch genügend Potenzial. Gerade bei jungen Leuten sei das Interesse an sportlicher Betätigung groß. Zugleich könnte es damit gelingen, sie von der Straße zu holen und ihnen mit dem Sport eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung anzubieten.

Dem LSB-Präsidenten ist aber durchaus bewusst, dass es bei Sportplätzen in Wohngebieten auch Probleme beispielsweise durch Lärm geben kann. Deshalb sollte schon darauf geachtet werden, dass die Anwohner zu später Stunde nicht gestört werden. Zugleich forderte er zu mehr Toleranz auf: Sport sollte nicht als Krach empfunden werden.

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