Berlin : Sportvereine bringen sich in Form

Erstmals seit Jahren steigen die Mitgliederzahlen – weil mehr Vorschulkinder und mehr ältere Menschen trainieren

Annette Kögel

Es geht wieder aufwärts mit dem Berliner Vereinssport: Mit über 539000 Mitgliedern zählt der Landessportbund (LSB) so viele Sportbegeisterte wie seit Jahren nicht mehr. Dies teilte LSB-Präsident Peter Hanisch mit. Zuwächse gibt es vor allem in Vereinen für die Jüngsten unter acht Jahren sowie bei den Über-Fünfzig-Jährigen. Zudem scheint sich die Wirtschaftslage zumindest auf die Vereinsszene positiv auszuwirken: Manch einer will Geld sparen und geht statt ins Sportstudio zum Fitness-Training in den Verein.

Damit ist der stete Mitgliederrückgang in den rund 2000 Berliner Sportvereinen erstmals seit Jahren gestoppt. Die Trendwende ist zum Teil hausgemacht. Intensiv geworben wird um Junge und Alte. „Kleine kommen ganz groß raus“, heißt eine Trainingsaktion mit Kindergärten und Kitas für Kinder ab vier, fünf Jahren. „So wollen wir auch dem Trend entgegenwirken, dass immer mehr Schulanfänger übergewichtig sind oder motorische Verhaltensauffälligkeiten zeigen“, sagt Sport-Präsident Hanisch. Damit soll der Nachwuchs an die Vereine herangeführt werden: Jetzt trainieren 22000 Mädchen und Jungen unter sieben Jahren im Verein, das sind fast 2700 oder 14 Prozent mehr Nachwuchssportler als im Vorjahr.

Der Ansturm ist teilweise so groß, dass die Vereine wie etwa der Post SV Wartelisten führen müssen. Dort seien Ballett und Kinderschnorcheln sehr beliebt, sagt Jugendwartin Nadine Heertsch. Jeanette Tomys von der Turnabteilung 5 des TSV Rudow bestätigt ebenso, dass es „bei uns in den Hallen sehr voll ist“. Beim Eltern-Kind-Turnen zahlt die Familie 80 Euro im Jahr. Für das Training im Jazz- und Modern-Dance für Kinder werden 75 Euro Jahresbeitrag verlangt. „In einem privaten Studio wird man da bis zu 50 Euro im Monat los“, sagt Frau Tomys.

Riesigen Zulauf gebe es im TSV auch bei der Wirbelsäulengymnastik für Leute zwischen 30 und 70. Trainer ist ein ausgebildeter Physiotherapeut – ein Beispiel für die auch vom LSB gestützte Weiterqualifizierung im Vereinssport. Rückengymnastik, Gesundheitsprävention – alles Angebote der LSB-Kampagne „Fünfzig plus“ für Spät- und Wiedereinsteiger. In dieser Altersgruppe gibt es – auch aus demographischen Gründen – ein Plus: Bei den über 61-Jährigen trainieren sieben Prozent mehr Menschen. 4400 Mitglieder, zumeist Frauen, treffen sich zu Gymnastik, Tanzen, Wandern.

Dass mehr Berliner eintreten, liegt aber auch daran, dass sich die Vereine selbst modernisieren und für Interessenten öffnen. Sie bieten mehr Schnupperkurse an, laden zu Galas oder Radtouren ein. Dem LSB kommt auch entgegen, dass bürgerschaftliches Engagement wieder zunimmt. In den Vereinen engagieren sich 56000 Berliner ehrenamtlich. Die steigenden Mitgliederzahlen helfen den Vereinen, die sinkenden Landeszuschüsse besser zu verkraften. Der Landessportbund hat seinen Mitgliedern eine wirtschaftliche Kalkulation empfohlen. Einige Vereine nehmen durch Kurse für Nicht-Mitglieder Geld ein, andere haben die Beiträge erhöht. Bei Kindern werden mindestens 5 Euro, bei Erwachsenen 7,50 Euro im Monat verlangt.

Zu schwach vertreten sind aus Sicht des LSB noch die Migranten. Jene seien oft skeptisch gegenüber dem deutschen Vereinswesen. Manchmal sind es aber auch die deutschen Eltern, die die Quote senken. Jeanette Tomys: „Einige Mütter und Väter sind zu bequem, die Kinder zum Training zu bringen.“

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