Berlin : Sprachförderung mit Billiglehrern?

Pädagogen arbeiten als Ein-Euro-Jobber an Schulen. Direktoren sind verunsichert. Ein Pro und Contra

Susanne Vieth-Entus

Die Ankündigung erfolgte scheinbar nebenbei: Im Oktober 2004 teilte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) bei einer Pressekonferenz zum neuen Sprach-Pflichtkurs für Vorschüler mit, dass er gern Ein-Euro-Lehrer für die Sprachförderung an Schulen einsetzen würde. Dem Entsetzen der Lehrer-Gewerkschaft GEW folgte dann allerdings kein Rückzug Bögers. Im Gegenteil: Inzwischen haben etliche arbeitslose Lehrer ihre Ein-Euro-Jobs an Schulen angetreten. Genaue Angaben über die Anzahl der Lehrer und ihre neuen Aufgaben gibt es nicht. Bekannt ist nur, dass Schulleiter verunsichert sind, wenn ihnen freie Träger Ein-Euro-Lehrer anbieten. Denn es erweist sich als schwierig, die Ein-Euro-Jobs in Schulen von den Pflichtaufgaben des Staates abzugrenzen. Dies aber ist nötig, denn für Ein-Euro-Jobber gilt, dass sie keine Pflichtaufgaben übernehmen dürfen.

Diese Regel steht nicht nur in den Hartz-IV-Gesetzen, sondern auch in der Rahmenvereinbarung, die Böger im November mit der Bundesagentur für Arbeit – Regionaldirektion Berlin-Brandenburg – geschlossen hatte. Dort heißt es, dass die „vorgeschriebene Zusätzlichkeit“ beachtet werden müsse. Auch dürften „keinesfalls“ bestehende Arbeitsplätze oder die Entstehung neuer Arbeitsplätze gefährdet werden. Als Einsatzorte werden in der Rahmenvereinbarung „flankierende und ergänzende Angebote und Projekte in Schulen“ zur Sprachförderung und zur vorberuflichen Orientierung genannt. Hier fängt das Problem an: „Wer entscheidet, ob ein Angebot flankierend ist oder ob es zum Pflichtangebot gehört?“, fragen sich Schulleiter. Denn ihre Pflicht ist es doch, dass die Kinder Deutsch lernen. Ist diese Pflicht dann nach fünf Deutschstunden erfüllt?

Das Abgrenzungsproblem wird künftig nicht geringer. Die GEW teilte vergangene Woche mit, dass die Arbeitsagentur Süd 75 Stellen zur Sprachförderung in Kitas und Schulen ausgeschrieben habe. Darauf werden sich etliche arbeitslose Lehrer bewerben, die hoffen, über die Ein-Euro-Schiene ihre regulären Einstellungschancen zu verbessern. Der Bedarf ist groß: Jedes Jahr werden 6000 bis 10 000 Kinder eingeschult, die nicht ausreichend deutsch sprechen. Es gilt, sie schon in der Vorschulzeit und dann in den ersten beiden Schuljahren besonders intensiv zu fördern. Die vorhandenen regulären Stellen reichen dafür nicht aus.

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