Berlin : Sprachlos in die Grundschule

Kein bärenstarkes Ergebnis: Jeder zweite Erstklässler spricht kaum oder schlecht Deutsch

Susanne Vieth-Entus

Fast jedes zweite Vorschulkind spricht schlecht Deutsch und braucht eine zusätzliche Förderung, um dem Unterricht folgen zu können. Dies ist das Ergebnis der ersten flächendeckenden Sprachstandsmessung („Bärenstark“) unter den knapp 27 000 Kindern, die im Somme eingeschult werden.

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) kündigte bei der gestrigen Vorstellung der Ergebnisse ein ganzes Reformpaket für Kitas und Schulen an, um die Sprachvermittlung zu fördern. Wer künftig am Ende der zweiten Klasse keine „ausreichenden“ Sprachkenntnisse hat, soll zunächst nicht in die dritte Klasse versetzt werden.

Als besonders alarmierend bezeichnete es der Senator, dass sogar unter den Kindern deutscher Herkunft fast 30 Prozent ihre Muttersprache nicht vollständig beherrschen. Hier spielen soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit der Eltern eine Rolle. Unter den Kindern nichtdeutscher Herkunft haben 80 Prozent sprachliche Defizite: Über die Hälfte braucht eine intensive Zusatzförderung. Sprachförderung müsse möglichst früh, schon in der vorschulischen Bildung, gefördert werden, sagte Böger als Konsequenz der Studie. Deshalb werde die Aus- und Fortbildung von Erziehern und Lehrkräften verstärk. Die Kita erhalten Bildungsprogramme. Außerdem müssten die Eltern stärker in die Pflicht genommen werden. Was jetzt versäumt werde, könne man später „an der Kriminalitätsstatistik nachweisen“, so Böger.

Dramatisch ist die fortschreitende Entmischung in der Stadt: In Wedding sind bereits 74 Prozent aller Vorschüler nichtdeutscher Herkunft, in Neukölln-Nord 70 und in Kreuzberg 63 Prozent. Im Landessschnitt sind es 30 Prozent. Die wenigsten ausländischen Kinder wohnen in Weißensee (4,5 Prozent), Köpenick (5,5) und Pankow (6,4). Diese Bezirke erzielten entsprechend gute Testergebnisse. Die besten Deutschkenntnisse haben die Zehlendorfer Kinder und die Kinder im gutbürgerlichen Teil Reinickendorfs, wo rund 9,5 Prozent der Kinder nichtdeutscher Herkunft sind.

Überraschend hoch ist noch immer der Anteil der Kinder, die lediglich eine Vorklasse, aber keine Kita besuchen. Den niedrigsten Anteil an Kita-Kindern hat im West-Teil Tempelhof (40 Prozent) und im Ost-Teil Lichtenberg (68 Prozent). Klar sei, dass die bisherige Vorbereitung der Kinder nicht ausreicht. Deshalb kündigte Bildungssenator Böger an, dass die Erzieherfachschulen ab Februar 2004 einen neuen Rahmenplan erhalten: Dazu wird gehören, dass sie Methoden zur Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache lernen.

Auf Kritik stieß Bögers Ankündigung, dass Zweitklässler ohne ausreichende Deutschkenntnisse nicht in die dritte Klasse versetzt werden sollen. Künftig soll es am Ende der zweiten Klasse einen erneuten Test geben. Der Vorsitzende des Türkischen Bundes, Safter Cinar, sagte, dass sein Verein den Sprachtest nur als Fördermaßnahme, nicht aber als „Aussonderungsinstrument“ akzeptiert habe. Es gehe nicht an, dass die ausländischen Kinder durch Nichtversetzung diskriminiert würden. Böger wies dies zurück. Im Schulgesetz sei vorgesehen, dass die Schuleingangsphase flexibel gehandhabt werden solle: Je nach Lernleistung sollen die Kinder die Klassen 1 und 2 künftig in ein bis drei Jahren durchlaufen können.

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