Berlin : Sprachlos in Jerusalem, gefeiert in Tel Aviv, glücklich in Berlin

Amory Burchard

Sie ist der lebendige rote Faden der Jüdischen Kulturtage. Tamara Stern, eine 27-jährige deutsch-israelische Schauspielerin, moderiert das Festival "Tel Aviv non stop". Als Mistress of Ceremonies stellt sie bei der Eröffnung am morgigen Montag das Cameri-Theater in der Freien Volksbühne vor, sie führt das Publikum durch den "Ballroom" im Gemeindehaus, und sie präsentiert die Rock- und Pop-Queen Yehudit Ravitz im Haus der Kulturen der Welt. "Mein Lebensfaden", sagt Tamara Stern, "ist Berlin - Tel Aviv - Berlin. Passender geht es nicht."

Dabei hat lange vieles nicht zusammengepasst im Leben der Tamara Stern. Dass sie Jüdin ist, hat sie es erst erfahren, als sie sechs wurde. "Bis dahin haben mich die Eltern verschont", sagt sie. Nun wusste sie es also. Zu Weihnachten durfte Tamara keine Wunschzettel mehr schreiben. Die Familie feierte statt dessen Chanukka. Und die Großmutter begann, ihre Geschichten zu erzählen. Die Oma war ein hübsches Mädchen in einer kleinen Stadt in Ostpreußen. Sie wurde von den jungen Männern umworben. Wenn Tanz war im Ort, standen sie bei ihr Schlange. Die deutschen Mädchen gönnten es ihr nicht. Dann kamen die Nazis an die Macht und die deutschen Mädchen sagten zu den jungen Männern: "Die dürft ihr nicht mehr auffordern, die ist Jüdin." Auch wie sie dann im Versteck überlebt hat und 1945 mit Tamaras gerade geborenem Vater nach Berlin geflohen ist, erzählte die Großmutter.

Wer überlebt hat, und wer ermordet wurde in den Familien ihrer Eltern, hat Tamara erfahren. Aber weil sie so lange in Israel gelebt habe, sei ihr wieder etwas erspart geblieben, sagt sie. Anders als andere Kinder der Jüdischen Gemeinde in Berlin definiere sie sich nicht über den Holocaust. "In Israel war es ja selbstverständlich, Jude zu sein." Gern war sie dort nur ein paar Jahre, kurz bevor sie endlich zurück konnte nach Berlin.

Um ein jüdisches Kind unter Juden zu werden, sollte sie in Israel zur Schule gehen, als sie zwölf wurde. Die Kinder in der Wilmersdorfer Schule hatten es auch herausgefunden, dass Tamara anders war. Ihre Eltern hatten sich mit den Eltern der beiden türkischen Kinder in der Klasse zusammengetan, um die drei vom Religionsunterricht zu befreien. Es sei natürlich kein Antisemitismus gewesen, aber gehänselt wurde sie. Tamara entwickelte sich zum "Einzelgängerkind". Dann bekam der Vater einen Job in Israel, als Unidozent. Seine Tochter nahm er mit. Sie lebten in Jerusalem, der Hochburg der orthodoxen Juden.

Die Stadt verschlug Tamara die Sprache. "Ich war ein kleines blondes, bebrilltes Mädchen, und mich herum war der tiefste Orient." Das alte Spiel aus der Schule fiel ihr wieder ein: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Tamara hatte Angst und weigerte sich, Hebräisch zu lernen. Der Vater konnte warten, und siehe da, nach ein paar Jahren verkündete dass Kind, Schauspielerin werden zu wollen, israelische Schauspielerin. Mit 17 sprach sie vor bei der besten Schule des Landes - und wurde angenommen. Zur Armee musste sie nicht, weil sie damals noch keine israelische Staatsbürgerin war.

Tamara Sterns zweites Engagement brachte sie ans russisch-israelische Gesher Theater Tel Aviv, in die nichtreligiöse Hauptstadt Israels, die Stadt der eifrigsten Theatergänger der Welt. Irgendwann in diesen Jahren verwandelte sich Tamara vom Einzelgängerkind zu einem Ensemblemitglied. Und sie fand ihr Publikum. Aus dem bebrillten Mädchen war eine temperamentvolle Frau geworden. Ihre Brille trug sie einfach nicht mehr. Vor eineinhalb Jahren erhielt Tamara Stern den Israelischen Theaterpreis als Nachwuchsschauspielerin der Saison. Kurz darauf beschloss sie, Israel zu verlassen. Theater in der Muttersprache wollte sie machen. Das Gesher Theater gab sie frei, mit sechs Monaten Rückkehrgarantie. Jetzt ist Tamara Stern seit einem knappen Jahr wieder in Berlin - und viel zu glücklich angekommen, um zurückzugehen.

Noch verdient sie ihr Brot als Stilberaterin bei einem Innenausstatter. Ab Januar betritt sie schauspielerisches Neuland. Sie dreht mit dem Hamburger Regisseur Boris Blank: einen Film nach Wladimir Nabokovs Roman Pnin und einen Thriller. Die Mistress of Ceremonies bei den Jüdischen Kulturtagen zu spielen, ist eine Zwischenstation beim Nach-Hause-kommen. Ihre Begeisterung für Tel Aviv will sie rüberbringen, für diese multikulturelle Stadt voller jungem, aufregendem Leben. Das Tel Aviv nach dem 2. Juni, als 19 junge Menschen bei einem Anschlag auf eine Discothek starben, kennt sie nur aus dem Fernsehen. Wenn wieder etwas passiert und sie "einen dieser hysterischen Anrufe" macht, beruhigen sie die Freunde in Tel Aviv. Das Leben geht weiter. Aber Tamara Stern ist froh, dass es für sie in Berlin weitergeht.

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