Berlin : Sprachtests nicht mehr für alle Grundschüler

Deutschkenntnisse sollen nur noch in Einzelfällen geprüft werden

Susanne Vieth-Entus

Der in Berlin entwickelte Sprachstandstest „Bärenstark“ hat ausgedient. Er soll im Oktober abgelöst werden durch das niedersächsische Erhebungsverfahren „Deutsch plus“, bei dem nicht mehr alle Kinder einen differenzierten Sprachtest zu absolvieren haben. Stattdessen wird zunächst in je einem Gespräch mit Eltern und Kindern geklärt, ob ein Sprachtest überhaupt notwendig ist. Fachleute befürchten, dass Defizite unerkannt bleiben, wenn der Test nicht mehr flächendeckend stattfindet. Der Deutschtest entscheidet einerseits darüber, ob das betreffende Kind an einem verpflichtenden, halbjährigen Sprachkurs teilnehmen muss. Zum anderen können die Schulen anhand der Ergebnisse auf die spezifischen Probleme der Kinder im Unterricht eingehen.

„Der Bärenstark-Test erfasst die individuelle Lernausgangslage der Kinder. Das können Gespräche mit Eltern und Kindern nicht leisten“, befürchtet ein Schulrat, der für die Beibehaltung der flächendeckenden Sprachstandserhebung plädiert. Die Bildungsverwaltung vertritt dagegen die Auffassung, dass der Test sinnlos sei bei Kindern, die offenkundig sehr gut oder gar kein Deutsch sprächen. Der Zeitaufwand des flächendeckenden Verfahrens sei daher nicht zu rechtfertigen. Schulleiter, die sich mit „Deutsch plus“ befasst haben, halten dem entgegen, dass es mindestens genauso viel Zeit koste, mit allen Familien Gesprächstermine zu vereinbaren, den Fragenkatalog abzuarbeiten und gegebenenfalls zusätzlich den Test durchzuführen.

Die Schulleiter sind aber nicht nur angesichts des neuen Testverfahrens skeptisch. Sie halten auch den mit hohen Erwartungen angekündigten halbjährigen Deutsch-Pflichtkurs für Vorschüler mit schlechten Deutschkenntnissen für unterfinanziert. Wie die Bildungsverwaltung bestätigt, soll dieser Pflichtkurs zehn Wochenstunden umfassen und damit erheblich unter dem Umfang des jetzigen Vorklassenunterrichts von rund 25 Stunden bleiben. Für die ab 2005 abgeschafften Vorklassen sei der Pflichtkurs kein Ersatz, sondern nur ein „Feigenblatt“, klagt eine Weddinger Schulleiterin.

Auch die Opposition ist gegen die Pläne der Bildungsverwaltung. „Ich habe von Anfang an befürchtet, dass der Pflichtkurs eine Luftblase ist“, sagt der schulpolitische Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu. Zudem befürchtet Mutlu, dass die Sprachprobleme von deutschen Kindern nicht mehr erfasst werden: Angesichts der wenigen Stellen, die für den Deutschkurs zur Verfügung stehen – in ganz Kreuzberg-Friedrichshain sind es nicht einmal fünf – sei kaum zu erwarten, dass deutsche Kinder als förderbedürftig eingestuft würden.

Die FDP hält das ganze Vorhaben für eine „Lachnummer“, so ihre bildungspolitische Sprecherin Mieke Senftleben. Der CDU-Bildungsexperte Gerhard Schmid sieht in dem zehnstündigen Pflichtkurs ebenfalls keinen Ersatz für die Vorklassen. Er bedauert die Abschaffung des Bärenstark-Tests zugunsten von „Deutsch plus“: „Man muss bei der gleichen Methode bleiben, um die Ergebnisse vergleichen zu können“, alles andere sei „dilettantisch“. Auch hält er es für falsch, den Test nicht mehr flächendeckend zu machen: Nur wenn alle teilnähmen, könne man Hochbegabte herausfinden oder Kinder mit spezifischen Problemen. Dies fordert auch FU-Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen. Er setzt sich seit langem dafür ein, bereits alle Vierjährigen zu testen, um Hochbegabungen früher fördern und Defizite rechtzeitig beheben zu können.

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