Berlin : Sprayer verpfeifen - soll das belohnt werden?: Der Profi hasst den Pfusch

Lars von Törne

Manchmal sind die Kritzeleien an Häuserwänden, Mauern und Brücken sogar einem erklärten Verfechter der Spraydosen-Kultur ein Dorn im Auge. "Viele von denen sind nur noch hingepfuscht und haben keinen Style", sagt Graffiti-Künstler Oliver Schlösser. Er ist in Lankwitz aufgewachsen, wohnt heute in Friedrichshain und tummelt sich seit Mitte der 80er-Jahre in der Berliner Sprayer-Szene. Mit seinen 29 Jahren gehört der gelernte Schilder- und Lichtreklamehersteller inzwischen eindeutig zur "Old School". Ungeachtet seines rebellischen Äußeren mit Dreitagebart, Baseball-Cap und langem Zopf ist er mit den Jahren ruhiger geworden.

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Meinungen: Pro & Contra Inzwischen zieht Schlösser nicht mehr jede Nacht los, um sich an Wänden, auf Mülleimern oder S-Bahn-Zügen mit schrillen Bildern oder seinem in der Szenesprache Tag genannten Kürzel "Aeric" zu verewigen. Stattdessen sprayt er Porträts und stilisierte Schriftzüge - Styles - auf Leinwände, verziert in offiziellem Auftrag Wände mit seinen Bildern und zeigt Jugendlichen in Workshops, dass Graffiti echte Kunst sein kann. Derzeit präsentiert Schlösser gemeinsam mit einer Gruppe befreundeter Künstler seine Bilder in einer Ausstellung in Schöneberg.

Seine erste Spraydose nahm Oliver Schlösser 1987 in die Hand. "Das ist ein echter Kick gewesen", erinnert er sich. "Du bekommst das Gefühl, dich aus dem Alltag herauszuheben und etwas ganz Eigenes zu machen." Das sei auch heute noch die Motivation vieler Jugendlicher, sich mit ihren Tags an möglichst vielen Orten zu verewigen.

"Natürlich verstehe ich, dass die Leute sich ärgern, wenn das auf einer frisch geweißten Hauswand passiert", schränkt Schlösser ein. Aber ob das dann gleich Vandalismus ist? "Die Grenze zwischen Kunst und Sachbeschädigung muss jeder für sich selber ziehen", sagt er. Persönlich ärgert es ihn besonders, wenn er ein paar lieblos hingekritzelte Tags auf einem denkmalgeschützten Gebäude oder einer mit Stuck verzierten Fassade sieht. "Aber wenn das Haus so ein trister, hässlicher Kasten ist, dann können ein paar Graffiti und Tags das Ding doch echt verschönern", meint er.

Viele Jugendliche treibe vor allem die Suche nach einem Kitzel an. "Die langweilen sich und fangen dann an, alles vollzuschmieren", sagt Schlösser. "Manche brauchen einfach den Thrill, nachts loszuziehen und zu wissen, dass dich jederzeit die Polizei oder der Wachschutz erwischen können." Dagegen könne auch das jetzt erneut diskutierte "Kopfgeld" für ertappte Schmierer nichts ausrichten, ist sich Schlösser sicher. Im Gegenteil: "Je illegaler und je gefährlicher, desto cooler fühlen sich viele Jugendliche." Dazu komme, dass durch die Angst, erwischt zu werden, viele Sprayer nur noch hastig ihr Markenzeichen hinterlassen, aber sich für richtige Kunst keine Zeit mehr nehmen.

Die ganze Debatte darüber, wie man die Graffiti-Welle eindämmen könnte, hält Schlösser für "völlig überflüssig": "Das hat sich jetzt mehr als 20 Jahre in Deutschland ausgebreitet - jetzt kann man es nicht mehr eindämmen."

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