Berlin : Sprechende Bilder

Amory Burchard

Besonders lange hat Martin Sand vor dem Porträt von "Fräulein Schiratzki" gestanden. "Sie besaß so ein Charisma, sie war eine unwahrscheinlich interessante Frau", schwärmt der Schüler von einst. Als Selma Schiratzki 1926 Direktorin der Jüdischen Volksschule in der Rykestraße wurde, habe sie das Lehrerkollegium gleich mitgerissen. Wie sehr ihr das auch über den pädagogischen Alltag hinaus gelang, zeigt ein Foto in der Ausstellung über die Schule im Prenzlauer Berg Museum. Bei einem Ausflug bildete die Direktorin mit ein paar Kollegen eine artistische Menschenpyramide. Die lachende Selma Schiratzki steht in der Mitte als tragende Säule der Figur.

Ansonsten hatten die Lehrer Freude daran, "unsere Fähigkeiten zu sondieren und individuell zu fördern", erinnert sich der 84-jährige Martin Sand. Er wurde 1924 in der Rykestraße eingeschult, da existierte die Jüdische Volksschule zwei Jahre lang. Errichtet wurde der Gebäudekomplex zwischen Immanuelkirch- und Marienburger Straße zwischen 1902 und 1904 für eine neue Synagoge und eine Religionsschule der gerade im Nordosten wachsenden Jüdischen Gemeinde Berlins. Die Synagoge im Hofbegebäude existiert bis heute, die Schule wechselte die Funktion. Anfang der 20er Jahre mehrten sich die jüdisch-national oder zionistisch denkenden Eltern in dem Maße, in dem der Glaube an eine erfolgreiche Assimilation in Deutschland schwand.

Sein Vater, sagt Martin Sand, stammte aus Rumänien, hatte die antijüdischen Pogrome aus der Zeit um die Jahrhundertwende nie vergessen und Ansätze dazu in Berlin früh erkannt. Deshalb schickte er den Sohn auf eine jüdische, nicht auf eine "christliche" Schule. Dort lernte er Hebräisch, neben der deutschen Literatur studierte er auch die jiddische, und gerechnet wurde nach Beispielen aus dem Kibbuz in Palästina. Martin Sand floh 1937 nach Palästina. Es gibt viele sprechende Bilder in der neuen Dauerausstellung des Museums in der Prenzlauer Allee 226-227. Ein Beispiel: Die Schülerinnen Ruth Aranowitsch und Gerda Schmiedmeyer ließen sich 1940/41 vor der Synagoge im Hof fotografieren. Zwei schlacksige halbwüchsige Mädchen in Baumwollkleidern. Über ihren Köpfen das Schild "Zum Luftschutzkeller". Für die Mädchen sollte es keinen Schutz geben in Deutschland. Ruth wurde ins Getto von Riga deportiert und starb 1942, Gerda war schon 1941 im Getto von Lodz umgekommen.

Die Jüdische Volksschule in der Rykestraße wurde 1941 von der Wehrmacht beschlagnahmt, die dort eine Feldpoststelle einrichtete. Seit vergangener Woche erinnert eine Gedenktafel am Haus Rykestraße 53 an die Geschichte der Schule. Die Ausstellung im Prenzlauer Berg Museum ist montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr im Korridor im Erdgeschoss (Zugang auch über Mühlhauser Straße 8) zu sehen.

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