Spreedreieck : Den falschen Ton getroffen

Die Fassade des neuen Spreedreiecks stößt auf viel Kritik. Der Bauherr wehrt sich gegen die Vorwürfe. Die Fassade ist aber nicht das Einzige, was beim Spreedreieck schiefläuft.

Matthias Oloew
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Dynamisch, licht, fast schwebend sieht es auf der Simulation aus. Tatsächlich wirkt das fast fertige Spreedreieck in Mitte ganz anders: dunkel, klotzig, kalt. Der Bauherr des umstrittenen Neubaus am Bahnhof Friedrichstraße wirbt um Geduld: "Bei Sonnenschein wird die Fassade einen tollen changierenden Effekt haben", verspricht Harm Müller-Spreer. Im Novembergrau entstehe ein verfälschender Eindruck des Gebäudes. "Es wird wunderbar, wenn es erst vermietet und von innen beleuchtet ist."

Auch Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) gefällt nicht, was seine Behörde da genehmigt hat, sagt aber, dass ihm die Hände gebunden waren: "Es gab für uns keine Grundlage, die Fassade nicht zu genehmigen", erklärt er, "das wäre nur möglich, wenn die Gefahr einer groben Verunstaltung bestünde." Und so schlimm findet Gothe das Spreedreieck dann auch wieder nicht. Er glaubt, dass es die Lamellen und Schlitze sind, die die Fassade zwar prägen, aber die schwarzbraune Anmutung noch zusätzlich verdüstern. "Ich glaube, diese Wirkung hat man unterschätzt", sagt Gothe.

Die Fassade und die Farbe sei im Zusammenspiel von ihm, den künftigen Nutzern und dem inzwischen verstorbenen Architekten ausgewählt worden, erklärt Bauherr Müller-Spreer. Er habe die Wahl nicht im Nachhinein in Zweifel ziehen wollen, um nicht in Konflikt mit dem Urheberrecht des Architekten beziehungsweise dessen Erben zu geraten. Müller-Spreer verweist darauf, dass die Fassade in den gleichen Farbtönen gehalten ist wie beim Bahnhof Friedrichstraße.

Auch der Architekt war unzufrieden

Stadtrat Gothe würde gegen zu dunkle Fassaden gerne öfter einschreiten, sagt er: "Es ist ja gerade große Mode bei Architekten, alles in Anthrazitgrau zu halten." Beim Spreedreieck sei aber neben der politischen Affäre auch in der Genehmigung des Gebäudes vieles schiefgelaufen: "Konsequenterweise hätte der Senat für diesen Bereich strengere Gestaltungsauflagen machen müssen", so Gothe, "nur das hätte eine Mitsprache bei der Fassadengestaltung erzwingen können." Die so angesprochene Stadtentwicklungsverwaltung wollte sich dazu nicht äußern. Vor seinem Tod war auch der Architekt Mark Braun unzufrieden. Die Politik habe durch die politischen Vorgaben aus seinem Entwurf einen mediokren Bau gemacht, der dem Stellenwert des Grundstücks nicht gerecht werde.

Die Gestaltung der Fassade ist aber nicht das Einzige, das beim Spreedreieck schiefläuft. Auch der parlamentarische Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der umstrittenen Grundstücksgeschäfte fasst schwer Tritt. Für den heute angesetzten Besichtigungstermin auf der Baustelle des Corpus Delicti ist die Presse und damit die Öffentlichkeit nicht eingeladen. Die Opposition kritisiert das, Vertreter der Koalition verstehen die Aufregung nicht: "Dass da ein hässliches Gebäude entsteht, weiß die ganze Stadt", sagt der Abgeordnete Wolfgang Brauer (Linke), "aber die Bauästhetik ist nicht Gegenstand unserer Untersuchungen." Der Ausschussvorsitzende Andreas Köhler (SPD) begründet die Entscheidung mit der Sicherheit auf der Baustelle. Der Bauherr habe darum gebeten, nur die Abgeordneten auf die Baustelle zu lassen. Harm Müller-Spreer bestreitet das: "Ich habe keine Angst vor der Öffentlichkeit."

Während der Abgeordnete Brauer prophezeit, dass sich "halb Europa darüber lustig machen wird, wie Berlin mit einem seiner prominentesten Grundstücke umgegangen ist", hofft Stadtrat Gothe auf die Läden, die im Erdgeschoss einziehen sollen: "Sind die erst vermietet, leuchtet das Gebäude und dieser Teil der Friedrichstraße wieder."

Alle scheinen unzufrieden, auch Sie? Wie finden Sie das fast fertige Spreedreieck? Zu dunkel, zu klotzig? Oder glauben Sie auch, dass das Gebäude vermietet und beleuchet ganz anders aussieht, so wie es Bauherr Harm Müller-Spreer verspricht?

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