Sprengung : Ende für Frohnauer Sendemast

Er ist ein Relikt des Kalten Krieges. Der Frohnauer Sendemast. Am Sonntagmittag wird das zweithöchste Bauwerk Berlins gesprengt. 180 Polizisten und etwa 100 Mann vom Technischen Hilfswerk werden im Einsatz sein. Für Schaulustige hat die Polizei Empfehlungen.

Stefan Jacobs
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Am Sonntag wird das zweithöchste Bauwerk Berlins liquidiert. Für ihn als Ostdeutschen habe es „natürlich einen gewissen Reiz, ein Relikt des Kalten Krieges sprengtechnisch niederbringen zu dürfen“, sagt der aus Thüringen angereiste Sprengmeister Martin Hopfe am Freitagmorgen am Ort des Geschehens. Das Relikt ist der Sendemast im Frohnauer Wald, fast so hoch wie der Fernsehturm am Alex. Wenn er vom Auto aus – beispielsweise auf der Rückfahrt von der Ostsee oder aus Hamburg – in Sicht kam, wussten Nordberliner: Bald sind wir da.

Anderes wussten nur wenige. Beispielsweise, dass der 358 Meter hohe Stahlmast hoch genug war, um funktechnischen Sichtkontakt mit der 133 Kilometer entfernten Gegenstelle Gartow im Wendland zu halten. Bis zum Bau der Verbindung 1979 mussten die Funker von der Bundespost entweder um die Erdkrümmung herumsenden, worunter Kapazität und Qualität litten. Oder sie hätten zwischendrin einen Mast aufstellen müssen – was vermieden werden sollte, damit die DDR nicht allzu leicht dazwischenfunken konnte.

12.600 Telefongespräche zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik konnten über den Mast gleichzeitig gesendet werden. Und, was noch weniger bekannt ist: In den 80er Jahren quartierten sich die französischen und amerikanischen Alliierten außerdem in einer 324 Meter hoch gelegenen Abhörkabine ein. Der Fahrstuhl dorthin ist längst stillgelegt, der ganze Mast im Zeitalter des geeinten, glasfaserverkabelten Europas ohne Funktion. Und Handytelefonate lassen sich ohnehin besser über den deutlich kleineren Nachbarturm abwickeln, der – sofern der Sprengmeister am Sonntag korrekt dosiert – stehen bleibt. Beide gehören der Telekom-Tochterfirma Deutsche Funkturm GmbH. Deren Geschäftsführer Rudolf Pospischil rechtfertigt die Sprengung damit, dass die Erhaltung des Mastes eine halbe Million Euro pro Jahr kosten würde. Und die weniger brutale Variante, ihn zu demontieren, wäre teurer als die Sprengung.

Sprengmeister Hopfe steht jetzt am Fuß eines der Halteseile und hält einen etwa 30 Zentimeter langen Kupferwinkel mit zwei Stromkabeln in der Hand. Der Winkel ist mit Hexogen gefüllt, Detonationsgeschwindigkeit: 25.000 Stundenkilometer. Damit lässt sich Stahl bis 16 Zentimeter Dicke sauber durchtrennen.

Am Sonntag werden in Sekundenbruchteilen erst mehrere Seile weggesprengt und dann in 93 Meter Höhe ein „Sprengmaul“ in den Turm gerissen. So soll der untere Teil nach Osten und der obere nach Westen kippen. 3,5 Kilo Sprengstoff, verteilt auf 40 Ladungen, machen’s möglich – und nötig, denn fiele der Turm am Stück um, würde er bis über die Oranienburger Chaussee kippen. Gesperrt wird die B 96 in jedem Fall: Spätestens um 12.30 Uhr will die Polizei sie zwischen Schwarzkittelweg und der Landesgrenze dichtmachen. Auch der 125er Bus wird eingestellt. 180 Polizisten und etwa 100 Mann vom Technischen Hilfswerk sind im Einsatz. Schaulustigen empfiehlt die Polizei das Gewerbegebiet von Hohen Neuendorf und den Staehleweg nahe der Stolper Heide. Wer lieber zu Hause bleibt, kann sich auch vor den Fernseher setzen: Ein Polizeihubschrauber filmt die Sprengung von oben – und sendet die Bilder an interessierte TV-Stationen.

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