Berlin : Spurensuche im Hamburger Bahnhof

Nach dem Museums-Brand: Bei der Sicherheit dürfen wir keine Kompromisse machen, meint ein Restaurator

Claudia Keller

Johannes Noack ist Restaurator im Hamburger Bahnhof. Er riecht, als komme er aus einer Räucherkammer. Er kommt am Dienstagmittag aus der oberen Etage des Museums. Dort hat es am Sonntagabend gebrannt. Was den Brand ausgelöst hat, war auch zwei Tage nach dem Brand nicht klar. Möglicherweise führte eine offene Flamme zum Brand, sagte die Polizei am Dienstag, ein denkbarer Brandherd seien Teelichter. Die waren Teil der Rauminstallation von Kai Althoff, die durch das Feuer völlig zerstört wurde.

Die Teelichter hätten aber nur bei der Ausstellungseröffnung vor zwei Monaten gebrannt, sagt Noack. Der Künstler habe darauf bestanden, dass sie immer brennen. „Aber wir sind hart geblieben.“ Wieso es ausgerechnet im Althoff-Raum zu brennen anfing, kann der Restaurator nicht verstehen. Hinter einem Bretterverschlag hatte Althoff einen DVD-Spieler und eine Musikanlage stehen, die der Installationen einen Hintergrund-Klang gaben. „Das waren handelsübliche Geräte mit gewöhnlichen Kabeln und Steckern.“ Die könnten doch wohl kein Feuer auslösen. „Was passiert ist, konnte doch eigentlich gar nicht passieren.“ Eine Aufsicht spekuliert, dass es vielleicht doch ein Fehler gewesen sei, dass man neben den Teelichtern eine Streichholzschachtel habe liegen lassen – auf Wunsch des Künstlers.

Künstler würden sich oft über die sicherheitstechnischen Vorschriften beklagen, weil sie ihre ästhetischen Vorstellungen störten, sagt Noack. „Das ist schon ein Problem.“ Dann sagt der Restaurator: „Eins ist jedenfalls klar: Künftig dürfen wir keinerlei Kompromisse mehr eingehen bei der Sicherheitstechnik.“ Welche Kompromisse man konkret eingegangen sei und ob man in der Vergangenheit zu viel Rücksicht auf die Künstler genommen hat, dazu sagt Noack nichts.

Dann wendet er noch ein, dass Künstler ihre Installationen grundsätzlich nicht alleine aufbauen, eine Elektro-Firma würde das überwachen. „Und bei zu außergewöhnlichen Ideen sagen die Fachleute Nein.“

Außer der Installation von Kai Althoff wurden auch eine Bodenskulptur von Manfred Pernice und eine Wandskulptur von Daniel Roth schwer beschädigt. Bei den Bilderzyklen aus den Räumen neben der Althoff-Installation seien die Glasrahmen schwarz vor Ruß, sagt Noack. Wie die Gemälde unter dem Glas aussehen, könne man noch nicht sagen. Womöglich sei der Schaden noch größer als bisher angenommen. Bis Ende der Woche habe man Klarheit. Den Gesamtwert der Ausstellung „Actionbutton“ mit Werken aus der Bundeskunstsammlung schätzen Experten auf eine Million Euro. Die Museumstelefone stehen nicht mehr still, sagt Noack, aufgeschreckte Künstler wollen wissen, ob auch ihre Werke etwas abbekommen haben.

Der Restaurator ist noch immer fassungslos, wenn er an den Sonntagabend denkt. Er ist von einer Party ins Museum gerufen worden. Bis Mitternacht habe er geholfen, Bilder hinauszutragen. Jetzt wisse er, wie gefährlich Rauch sei, so ätzend und so dicht, man habe in den Räumen oben nichts sehen können. „Es war, als gehe man durch einen Backofen. Meine weißen Hose konnte ich danach vergessen.“

Auch am Dienstag hängt der Rauchgeruch noch im Westteil des Museums. Die Räume im Obergeschoss, in denen es gebrannt hat, sind gesperrt für die Besucher. Vor der Absperrung hängt ein DIN-A4-Papier: „Wegen eines Brandfalles im Obergeschoss des Hauptgebäudes müssen die betroffenen Räume leider geschlossen bleiben.“ Die meisten Besucher laufen achtlos vorbei.

Der Mann von der Aufsicht im Raum vor der Absperrung wundert sich, dass niemand nachfragt. Offenbar sind Kunstfreunde viel gewohnt. Ja, doch, seltsam riecht es schon, sagt eine Engländerin. Aber sie dachte, das gehöre zu einer Installation, auf die sie noch stoßen werde bei ihrem Rundgang.

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