Spurensuche : Volle Fahrt zurück

Mit Rädern fuhren Schüler den Mauerstreifen ab. Sie erfuhren Grenzgeschichten aus Ost und West.

Ulrike Worlitz
Radler
Auf Expedition mit Kamera und Mikrofon im Gepäck. -Foto: Thilo Rückeis

Neugierige Blicke richten sich auf die Frau. Etwas nervös schaut sie in die Kamera: „Ich war 22, als die Mauer fiel und lag mit Grippe im Bett.“ Nie werde sie vergessen, wie die Grenze sie und ihre Eltern in Rudow von den Verwandten trennte und wie bewegend es für alle war, endlich frei zu sein. Das Interview führen Jugendliche an der Waltersdorfer Chaussee, dort, wo der Berliner Mauerweg die Straße kreuzt. Es ist Teil der „Mauerexpedition 09“ – einem gemeinsamen Projekt des Deutschen Theaters mit dem Theater an der Parkaue. Eine Woche lang radelten sechs Schüler und junge Erwachsene mit zwei Betreuern entlang des 155 Kilometer langen Mauerstreifens. Auf der Suche nach Spuren von damals, Zeitzeugen und Erinnerungen. Die meisten Expeditionsteilnehmer waren zur Zeit des Mauerfalls noch nicht einmal geboren.

Es ist noch früh am Tag und zwei Interviews sind schon im Kasten. Lisa Best, 22, hilft, Kamera und Mikrofon wieder zu verstauen. Best kommt aus Hessen und ist für ein Studium der Theaterpädagogik nach Berlin gezogen. Die „Mauerexpedition“ ist für sie mehr als eine Fahrradtour. Sie möchte Erlebnisse ausgraben, die die Berliner Geschichte für sie erzählbarer machen. Schließlich war die DDR auch ein Teil vom Leben ihrer Eltern und Großeltern. „Überall hört man etwas darüber. Aber ich kenne die Fakten nur aus Lehrbüchern“, sagt Lisa Best. Adina Reza, Abiturientin aus Woltersdorf, steht neben ihr. „Das ist eigentlich alles so nah und für uns doch weit weg“, sagt die 18-Jährige.

Peter und Ute Gill erinnern sich gut an diese Zeit. Das Rentnerehepaar besitzt eine Laube in der „Kolonie an der Kleinbahn“ in Rudow, direkt am Grenzstreifen. Anfangs hätten die Soldaten ihnen noch blöde Bemerkungen nachgerufen, wenn sie am Zaun spazieren gingen, und auch mal eine Zigarette geschnorrt. Doch dann wurde aus dem Zaun eine steinerne Mauer. „Die Hunde haben die ganze Nacht gejault“, sagt Peter Gill. Die Jugendlichen lauschen gebannt. Spontan hatten sie bei den Gills angeklopft. Nun sitzen sie mit Kamera und Mikro auf deren Veranda. Ein Glücksfall.

Das Interview dauert fast eine halbe Stunde. „Krass! Der hat so viel erzählt. Wie er für seine Verwandten Westprodukte in den Osten schmuggelte und wie er an der Grenze gefilzt wurde“, sprudelt es aus Linus Vollmar, 15, heraus. Über die DDR habe er schon viel gehört – nur eben die andere Seite. Seine Eltern kommen aus Ost-Berlin. „Sie waren sehr engagiert und auf vielen Demos“, erzählt der Schüler aus Weißensee. Die „Mauerexpedition 09“ ermögliche es ihm nun, auch mal West-Berliner Meinungen zu hören.

Die Mauerexpedition findet bereits zum dritten Mal statt. Medienkünstler Florian Thalhofer schnitt mit den Jugendlichen 2008 das Material und wird sie auch dieses Mal unterstützen. Es haue ihn um, diese „155 Kilometer Absurdität“ abzufahren. Sarah Jasinszcak wurde im vergangenen Jahr interviewt und kam so auf die Idee, das Projekt 2009 zu stemmen. Mit 22 war sie Staatsfeind. Sie kämpfte in der Opposition, druckte verbotene Zeitschriften in der Umweltbibliothek und hielt Mahnwachen für Inhaftierte. „Jetzt erfahre ich, was die anderen Menschen damals taten und dachten“, sagt Sarah Jasinszcak. Ulrike Worlitz

Am 6. Juni präsentieren die Teilnehmer der „Mauerexpedition 09“ im Deutschen Theater. Beginn: 19.30 Uhr. Eintritt 5 Euro.

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