Berlin : Spurlos entführt

Mahmoud A. soll vor vier Jahren seine beiden Kinder verschleppt haben – Prozessbeginn morgen

Katja Füchsel

Helen S. wirkt mager, hat dunkle Ringe unter den Augen. Es gibt Bilder, die sich in die Erinnerung der 39-Jährigen eingefräst haben: Hannah (5) auf dem U-Bahnhof Mehringdamm, ihren Teddy in der Hand. Ibrahim (2) auf dem Arm des ägyptischen Vaters. Die Bahntüren schließen sich. „Da habe ich meine Kinder das letzte Mal gesehen“, sagt Helen S. – fast vier Jahre ist das jetzt her.

Ihrem Ex-Mann saß Helen S. im vergangenen Juli das erste Mal wieder gegenüber: Im Amtsgericht Tiergarten musste sich Mahmoud A. wegen Kindesentziehung verantworten. Der 40-jährige Vater soll die Kinder Ende Dezember 2000 in sein Heimatland Ägypten gebracht und dort versteckt haben. Doch zu einem Urteil kam es nicht: Weil das Amtsgericht davon ausging, dass Mahmoud A. mit einer Strafe von bis zu zehn Jahren rechnen muss, gab der Richter den Fall an die nächste Instanz ab. Ab Montag wird der Prozess vor dem Berliner Landgericht (9.30 Uhr, Saal B 306) neu aufgerollt.

Sieben Jahre lang war Helen S. mit Mahmoud A. verheiratet. Sie trat zum moslemischen Glauben über, verdiente das Geld in der Familie, während sich Mahmoud A. um die Kinder kümmerte. Als die Ehe scheiterte, sprach das Gericht dem Vater das Umgangsrecht zu. Auch, wenn Helen S. stets „ein mulmiges Gefühl“ begleitete, musste sie Hannah und Ibrahim an den Wochenenden mit ihrem Vater ziehen lassen. Bis dann eines Tages das Telefon klingelte: „Du bist so dumm zu glauben, dass ich meine Kinder bei einer deutschen Schlampe lasse“, soll ihr Mann am Telefon gebrüllt haben. „Du wirst die Kinder nie mehr sprechen, nie mehr sehen, nie mehr von ihnen hören!“

Mit den beiden Kindern verschwand damals auch Mahmoud A. Erst als er Anfang des Jahres versuchte, in Bonn Sozialhilfe zu beantragen, griff die Polizei zu. Helen S. glaubt, dass Hannah und Ibrahim in einem Dorf bei der Familie oder in Kuweit bei einem Bruder des Vaters untergebracht sind. Sie hat die Polizei eingeschaltet, das Auswärtige Amt, einen Privatdetektiv, einen Anwalt in Ägypten – niemand konnte helfen. Trotzdem sagt sie: „Eine illegale Aktion“ – eine Rückentführung etwa – „kommt nicht in Frage.“

Als der erste Prozess im Juli begann, hoffte Helen S. noch, dass ihr Ex-Mann zur Vernunft kommen könnte. Dass ihn die U-Haft oder der Prozess zermürben würde. Doch der Angeklagte blieb dabei: Nicht er, sondern seine Ex-Frau habe die Kinder verschleppt. Er sei zum Jahreswechsel allein nach Ägypten geflogen. „Ich kann mir auch nicht erklären, wo die Kinder sind“, sagte Mahmoud A.

Helen S. rannte bei diesen Worten weinend aus dem Saal. Dass weder Anklage noch das Gericht Mahmoud A. glaubten, vermochte die Mutter kaum zu trösten. „Ich will nur meine Kinder zurück“, sagte Helen S.

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