Berlin : St. Florian grüßt

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies über seltsame Kreuzberger Bedenkenträger

Kreuzberg ist eine Art große Projektionsfläche, die jedem bereitwillig seine Wünsche und Vorurteile zeigt. Der Bezirk dient als Ökotop der Alt68er, als Chaoten-Tummelplatz, Mauerrest-Idylle, türkische Großstadt, Sammlung architektonischer Scheußlichkeiten… Nur ausgerechnet als Sammelplatz kleinbürgerlicher Ressentiments konnten wir ihn uns bislang nicht vorstellen. Das hat sich geändert. Das Karree um die Michaelskirche zwischen Kreuzberg und Mitte ist aufpoliert worden. Vieles ist neu, vieles anders geworden, und erst vor ein paar Tagen hat Stadträtin Dubrau mit scharfem Sandstrahl die letzten Graffiti von der Backsteinmauer des Engelbeckens weggepustet. Die Anwohner freuen sich – und haben auch Angst, dass neue Schmierereien das Bild verdüstern.

Doch was hat das mit einem Heim für kranke Obdachlose zu tun? Es ist nicht sehr lange her, da lief die Kreuzberger Kiez-Philosophie eher anders herum, wollte alles integrieren und nur die Reichen herausekeln. Das hat nicht geklappt. Doch nun ist ein Teil der Anwohner ins Gegenteil verfallen, sammelt Unterschriften gegen das geplante Heim, weckt diffuse Ängste – St. Florian grüßt. Das ist immer noch besser als die Brandanschläge der heißen Kreuzberger Chaoten-Zeit. Aber nicht wesentlich sympathischer.

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