St.Hedwig-Krankenhaus : Berliner Prothesenskandal weitet sich aus

Neben 47 fehlerhaften Kniegelenksprothesen sind am Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus offenbar auch mangelhafte Hüft-Implantate eingesetzt worden. Nach Tagesspiegel-Informationen war auch eine Klinik in Brandenburg Kunde des österreichischen Herstellers.

Ingo Bach[Hannes Heine],Moritz Honert

BerlinDer Skandal um fehlerhafte Prothesen in Berlin zieht immer weitere Kreise. Nach den 47 bekannt gewordenen Fällen von falsch eingesetzten Kniegelenksprothesen sieht sich das Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus mit weiteren Vorwürfen konfrontiert. Im Krankenhaus wurden seit 2003 Hüftgelenke eingesetzt, die sich nachträglich als fehlerhaft erwiesen. Diese hatte der österreichische Hersteller Falcon Medical Ende 2004 vom Markt genommmen.

Das Unternehmen bestätigte, es habe diese Hüftgelenke an eine „Handvoll Kliniken“ in Deutschland geliefert. Offen blieb, welche Kliniken zu den Kunden gehören. Mindestens sechs Patienten hatten sich nach einer Hüft-Operation mit Problemen an das St.-Hedwigs-Krankenhaus gewandt. Die Berliner Klinik wies aber Vorwürfe zurück, sie habe eine fehlerhafte Prothese noch nach der Rückrufaktion des Herstellers weiter verwendet. Inzwischen ist bekannt, dass die Prothesenart durch den Kontakt mit Körperflüssigkeit brüchig werden kann.

Der Berliner Rechtsanwalt Jörg Heynemann fordert bis zu 30.000 Euro Schmerzensgeld für seine Mandanten. Wahrscheinlich müssten das Krankenhaus und die Herstellerfirma das Geld gemeinsam aufbringen, sagte der Medizinrechtler. Bisher habe sich die Klinik nicht bei ihm gemeldet, er habe aber mit dem Hüftgelenkhersteller Falcon Medical gesprochen. Inzwischen hätten sich auch Berliner Patienten mit fehlerhaft eingesetzten Kniegelenken bei ihm gemeldet. Auch in diesen Fällen sei mit mehreren zehntausend Euro Schmerzensgeld zu rechnen.

Ende 2004 war das fragliche Modell des österreichischen Hersteller Falcon Medical vom Markt genommen worden, ohne dass dem Krankenhaus dafür Gründe genannt worden seien, sagt Reinhard Nieper, der Geschäftsführer der Gesellschaft der Alexianerbrüder, die die Klinik betreibt. Mittlerweile wurde bekannt, dass diese Prothese durch den Kontakt mit Körperflüssigkeit brüchig werden kann.

Nachdem sich ein Patient im Januar 2005 mit einer fehlerhaften Prothese gemeldet habe, habe die Klinik den Hersteller gefragt, ob es sich bei dem Implantat um ein serienmäßig fehlerhaftes Modell handelt. Erst im Juni 2007 habe der Hersteller das bestätigt. Die Klinik habe daraufhin am 6. Juli die Patienten informiert. „Wir können unsere Patienten nicht vorher auf Verdacht verunsichern,“ hieß es vom St.-Hedwig-Krankenhaus.

Von Januar 2003 bis Ende 2004 wurde die Prothese in der Klinik verwendet, ohne dass Probleme bekannt wurden. Wie viele dieser Gelenke insgesamt eingesetzt wurden, will die Klinik nicht sagen. Man befinde sich im Rechtsstreit mit dem Hersteller und wolle deshalb keinerlei Angaben machen, sagte eine Sprecherin. Nach den Zahlen der für die Qualitätssicherung in Krankenhäusern zuständigen Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) hat die Klinik im Jahr 2004 rund 200 Hüftgelenksoperationen vorgenommen.

Darüber, ob noch weitere Kliniken in Berlin mit schadhaften Hüftprothesen beliefert wurden, gibt es derzeit nur vage Angaben. Der Hersteller spricht von mindestens zwei Häusern. Nach Tagesspiegel-Informationen ist auch eine Klinik in Brandenburg betroffen. Im für die Kontrolle auf Landesebene zuständigen Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (Lagetsi) sind bisher keine weiteren Vorfälle mit diesem Produkt bekanntgeworden.

Derweil wächst im Fall der falsch eingesetzten Kniegelenke der Druck auf den Hersteller. Die zunächst englischsprachige Beschriftung sei laut Medizinproduktegesetz ein Verstoß gegen die Kennzeichnungspflicht, sagte Robert Rath, Sprecher des zuständigen Lagetsi. Der Hersteller Smith & Nephew hatte nach Angaben des Krankenhauses erst im März 2007 – knapp zehn Monate nach der ersten Lieferung der Prothesen – die Beschriftung durch deutschsprachige Aufkleber ergänzt.

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