Berlin : Staatlich gefördertes Strippen

Weil ein Frauenzentrum erotische Auszieh-Kurse anbot, fordern Politiker nun mehr Transparenz: Welche Projekte sollen unterstützt werden?

Sabine Beikler

Jedes letzte Wochenende im Monat konnten Frauen ganz freiwillig und ihrer Sinne ganz bewusst das Strippen lernen: im Frauenzentrum „Frauenkreise“ in Mitte. Hier bot Viola Voigt ihren Striptease-Workshop an. 45 Euro bezahlten die vier bis zehn Teilnehmerinnen zwischen 18 und 50, um durchs Strippen „nonverbale Körperkommunikation“, sagt Frau Voigt, zu lernen. Doch mit der „erotischen Selbstverwirklichung außerhalb von Sex“, sagt Frau Voigt weiter, ist erst einmal Schluss. Auf Druck der Berliner Grünen, denen man eigentlich nicht nachsagen kann, sie kümmerten sich nicht um die Belange von Frauen, hat der Veranstalter den Kurs nun zurückgezogen: Die Frauen haben offenbar Angst, alle Fördermittel zu verlieren. Für eine Stellungnahme war am Dienstag niemand zu erreichen.

In das Frauenzentrum fließen aus dem Landestopf für Frauenprojekte jährlich über 60 000 Euro. Ende Juni bekamen die Grünen Wind davon, dass Viola Voigt für ihre Strip-Workshops warb. Darüber war Grünen-Mitarbeiterin Sabine Bangert empört. Wenn solche Kurse angeboten würden, falle es schwer, gegen die beabsichtigte Kürzung des 9,2 Millionen Euro umfassenden Frauenetats zu argumentieren. „Ich habe nichts gegen Striptease, aber der muss nicht staatlich finanziert werden. “, sagt Bangert. Die Senatsverwaltung für Frauen schaltete sich ein. „Fördergelder sind für psychische, physische oder soziale Beratungen für Frauen da“, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch. Das Strippen sei zwar nicht direkt gefördert worden, doch habe man das Frauenzentrum aufgefordert, den Kurs aus dem Programm herauszunehmen.

Das Problem der Fördermittelvergabe ist lange bekannt. Wer kontrolliert, ob die Gelder sinnvoll und zweckgebunden verwendet werden? Was verbirgt sich etwa hinter dem Haushaltstitel „Erprobungsprojekte freizeitpädagogischer Gruppenarbeit“, die in diesem Jahr fast 100 000 Euro Fördermittel erhalten? Oder hinter geförderten Sozialprojekten für Jugendliche, wo laut CDU-Haushaltsexperte Gregor Hoffmann in Einzelfällen sieben Betreuer auf drei Jugendliche kommen? Alice Ströver, Grünen-Haushalts- und Kulturexpertin, fordert „nachvollziehbare Qualitätskriterien für alle Bereiche“ oder beratende Beiräte, wie es sie bereits in der Kulturverwaltung gibt.

Für eine bessere Transparenz und einen Bericht über alle geförderten Projekte plädiert die Haushaltsausschuss-Vorsitzende Hella Dunger-Löper (SPD). Martin Lindner, FDP-Fraktionschef, fordert, dass künftig die Fördermittelvergabe über die Hauptverwaltungen und nicht mehr über die Bezirke gesteuert wird. CDU-Haushaltsexperte Hoffmann will das Gegenteil. Die Bezirke würden die Projekte im eigenen Kiez besser kennen. Im September beginnen die parlamentarischen Haushaltsberatungen und das Tauziehen um Projektförderungen. Davon ausgenommen: Selbsterfahrungstrip mit Strip.

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