Berlin : Staatliche Sprachpflege: Amtsdeutsche Leitkultur

Stephan Wiehler

In stilsicherem Behördianisch schreibt Paragraf 49, Absatz 2 Berlins Beamten künftig vor: "Fremdsprachliche Ausdrücke (auch aus dem angelsächsischen Raum) sind grundsätzlich nur noch dann zu verwenden, soweit es aus fachlichen Gründen unumgänglich ist und die Verständlichkeit gegenüber dem Bürger nicht beeinträchtigt wird. " Übersetzt heißt das: Deutsch ist Amtssprache, und Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Weisung von Innensenator Eckart Werthebach (CDU), der im Februar mit seiner Forderung nach einem Sprachschutzgesetz bundesweit Schlagzeilen gemacht hat, löste bei den Senatskollegen nur verhaltene Begeisterung aus. "Wir haben hier mit in Öl gebratenen Kartoffelstäbchen und brauner Zuckerbrause gefeiert", feixte der Sprecher der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Claus Guggenberger, der sich "beim Wellenreiten im Zwischennetz" über die neue Sprachregelung informiert habe.

Zum Thema Ted: Keine Fremdwörter in Amtsstuben mehr? Auch wenn Guggenberger hofft, dass Werthebachs Liebe zur deutschen Sprache am Ende nicht auch die "Pommes frites" und das "Surfen im Internet" zum Opfer fallen, nimmt er dessen Anliegen durchaus Ernst: "Im Prinzip hat der Innensenator völlig Recht, wenn er mehr Klarheit und Verständlichkeit in der Sprache fordert." Schließlich weiß Guggenberger, dass gerade sein Chef Wolfgang Branoner gerne als "Global player" agiert, der von "facility management" spricht, wenn er die Gebäude-Bewirtschaftung meint oder "content" sagt, wo Inhalt gemeint ist. "Der Senator spricht eben häufig Englisch, wenn er weltweit Investoren für Berlin sucht", sagt Guggenberger. Gerade in den Bereichen Wirtschaft und Handel, die zunehmend international vernetzt sind, bedürfe es einer einheitlichen Fachsprache. "Viele Begriffe lassen sich nicht zwangsweise eindeutschen, ohne dass sich damit ihre Bedeutung verändert."

Ähnlich sieht das der Sprecher von Finanzsenator Peter Kurth (CDU), Klaus Dittko. "Viele Fachbegriffe aus dem angelsächsischen Sprachraum stehen für neue Konzepte in der Finanzpolitik." Zwar bemühe sich die Finanzverwaltung "seit längerem, deutsche Alternativen zu finden". Dittko bezweifelt aber, dass Wortschöpfungen die Verständlichkeit erhöhen. Statt Fremdwörter partout zu vermeiden, versehe die Finanzbehörde sie inzwischen in öffentlichen Erklärungen mit ergänzenden Erläuterungen. Die neue Geschäftsordnung versteht Dittko als "zusätzlichen Impuls um Klarheit und Verständlichkeit in der Sprache: im Bemühen um einfachen, klaren Satzbau und die Vermeidung von Wortungetümen".

Von solchen Forderungen allerdings ist in der neuen Sprachregelung nichts zu lesen. "Dabei ist das alte Übel der Amtssprache doch, dass Bürger oft schon bei einem Wort wie Rechtsbehelfsbelehrung nicht wissen, worum es sich handelt, obwohl es kein fremdsprachliches Teilwort enthält", sagt Gerhard Sickel. Der Leiter des Mannheimer Instituts für deutsche Sprache hält wenig vom Sprachpurismus des Innensenators, der eine interne Arbeitsgruppe beauftragt hat, um die Chancen für ein Sprachschutzgesetz auf Bundesebene auszuloten.

Nach Ansicht Sickels lässt sich die Vermeidung von Fremdwörtern nicht erzwingen: "Schon gar nicht mit einer Verordnung, deren Wortlaut zeigt, dass ihre Verfasser von der deutschen Sprache keine große Ahnung haben". Schon immer sei Deutsch eine "Mischsprache" gewesen, die durch fremdsprachliche Anleihen Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen habe.

Sickel hat zwar Verständnis für den Ärger über die Flut von Anglizismen in Werbung, Medien und Computerbranche und nennt "Service Point" (Deutsche Bahn) und "Call Center" (Telekom) als Beispiele, mit denen sich Firmen den Anschein der Weltläufigkeit zu geben versuchen. Der Sprachwissenschaftler empfiehlt jedoch "kritische Gelassenheit": "Viele dieser verbalen Schmetterlinge überleben den nächsten Winter nicht. Dann heißt das City-Shirt auch wieder Oberhemd." Wichtig sei vielmehr, Sprachpflege als Bildungsaufgabe zu verstehen, dazu gehöre auch die Verantwortung der Medien, deren Sprachgebrauch besonders viele Menschen beeinflusse.

Dass viele der modischen Anglizismen verzichtbar sind, zeigt das Berliner Sprachbündnis (siehe Kasten). Die Initiative strebt die Gründung einer Sprachakademie an, in der Bürger, gesellschaftliche Gruppen und Sprachwissenschaftler zum Schutz und Trutz des Deutschen gegen verbale Überfremdung wirken sollen. Große Hoffnung auf eine Leitkultur des reinen Deutschen macht die Sprachwissenschaftlerin Gisela Klann-Delius nicht. In der Vergangenheit, erklärt die Vizepräsidentin der Freien Universität, habe es immer wieder Tendenzen der Sprachbereinigung (laut Brockhaus "vor allem als Folge des Willens zu nationaler Selbstbehauptung") gegeben. Mit wenig Erfolg. So schlug 1832 Heinrich Joachim Campe zur Eindeutschung "angesonnener Fremdwörter" vor, die Migräne als "Seitenkopfweh" zu bezeichnen und die aus dem Lateinischen entlehnte Nase zum "Gesichtserker" zu machen. Fragt sich, ob das jährliche "Medien Get Together", initiiert von Klaus Landowsky, noch eine Zukunft hat.

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