Berlin : Staatsanwalt sucht Hilfe bei renommiertem Wiener "Profiler"

Katja Füchsel

In der Zunft der "Profiler" gilt der Mann als Koryphäe. Thomas Müller war an der Überführung des Prostituiertenmörders Jack Unterweger beteiligt. Er hat geholfen, den Briefbombenleger Franz Fuchs zu überführen. Und auch im Mordfall um Marina Erner hat die Staatsanwaltschaft den renommierten Wiener um Hilfe gebeten. Im Moabiter Kriminalgericht traf Müller am Donnerstag aber nicht auf ungebremste Begeisterung. Fast eine Stunde lang beharkten sich der Verteidiger und der Sachverständige im Saal. "Bei allem Respekt", holte Anwalt Heinz Möller zum verbalen Schlag aus. "Mit aller Höflichkeit", leitete Müller seine Antwort ein.

Es war das erste Mal in der Berliner Justizgeschichte, dass der Wiener Profiler - er erstellt das Persönlichkeitsprofil eines unbekannten Täters - als Sachverständiger bestellt wurde. Müller sollte anhand der Tatortanalyse beurteilen, ob der Mörder vertraut war mit der Umgebung des Dachbodens, wo die Leiche der kleinen Marina gefunden wurde. Die Neunjährige war am 10. Juli 1993 am Abend nicht vom Spielplatz in Adlershof zurückgekehrt. Erst ein Jahr später fand ein Anwohner ihre Leiche auf einem Dachboden in der Dörpfeldstraße 13 - keine hundert Meter von der elterlichen Wohnung entfernt.

Lange tappten die Ermittler in dem Fall im Dunkeln. Sechs Jahre später nahmen sie dann Christian J. fest. Der 39-jährige Tischler hatte im Juli 1993 noch in der Dörpfeldstraße 13 gelebt. Das Haus stand damals fast leer. Der Staatsanwalt glaubt, dass Christian J. die kleine Marina an jenem Nachmittag im Juli auf den Dachboden lockte und sie hier missbrauchte, vergewaltigte, erdrosselte.

Der Angeklagte hat bei der Polizei und vor dem Gericht stets seine Unschuld beschworen. Gestern war seine damalige Lebensgefährtin als Zeugin geladen. "Ich kann mir auf gar keinen Fall vorstellen, dass er der Täter ist", sagte die 38-jährige Hotelfachfrau. Sie habe mit dem 39-Jährigen eine "ganz normale Beziehung geführt", ohne "besondere Wünsche und Praktiken". Seinen Nichten und Neffen gegenüber habe sich Christian J. weder besonders fürsorglich noch besonders zurückhaltend gezeigt. "Er war nett und lieb - eben wie ein Onkel." Zerbrochen sei die Beziehung im Winter 1993, weil Christian J. als Arbeitsloser regelmäßig Alkohol getrunken habe. "Dann war er ein bisschen jähzornig."

Die Aussage des zweiten Zeugen passte eher zur Version des Anklägers, der in dem Prozess auf Indizien angewiesen ist. "Der Täter kannte den Ort sehr gut", referierte Müller das Analyseergebnis. Denn der Mörder habe beispielsweise für die Vergewaltigung Zeit an einem für ihn sicheren Ort gebraucht. Wahrscheinlich handele es sich um einen Ersttäter, der unauffällig in der Gesellschaft lebe. Der Einspruch des Verteidigers kommt prompt: Das Gutachten sei unbrauchbar, "zu allgemein und einseitig" verfasst.

Den zweiten Experten im Saal, den Gutachter Hans-Ludwig Kröber, schien der Mann aus Wien ebenfalls nicht gänzlich überzeugen zu können. Der Psychiater sagte, dass er mehrfach Sexualtäter begutachten musste, die ihre jungen Opfer in Aufgänge und Verschläge gezerrt hatten. Den Aussschlag habe aber der Zufall gegeben. "Die hatten keinerlei Ortskenntnisse."

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