Berlin : Staatsbesuch: Chatami besser beschützt als Putin und Clinton

Jörn Hasselmann

Der zweite Tag des Staatsbesuchs von Irans Präsident Chatami war begleitet von teilweise gewalttätigen Demonstrationen und einem Dauerstau in Mitte. Es gab 95 Festnahmen, davon 40 am Reichstag. Drei Personen, darunter ein Polizist, wurden beim versuchten Sturm auf den Reichstag verletzt. Augenzeugen berichteten von einem harten Eingreifen der Polizei. Am Roten Rathaus wurde ein Demonstrant festgenommen, der einen Farbbeutel auf ein Fahrzeug der Delegation geworfen hatte. Chatami war zeitweise doch mit dem Auto unterwegs und nicht immer mit dem Hubschrauber, wie angekündigt worden war.

Weil das Hotel Intercontinental keinen Landeplatz besitzt, musste Chatami über die Straße transportiert werden - zum nächstgelegenen Landeplatz. Nach Tagesspiegel-Informationen wurde dazu eine Fläche des Verteidigungsministeriums gewählt. "Hier starten und landen andauernd Hubschrauber", sagte ein Offizier. Schon am Montagabend hörten Bewohner der Innenstadtbezirke nahezu ununterbrochen das Geknatter von BGS- und Polizeihubschraubern.

Für die Fahrten vom Interconti zum Bendlerblock wurden auch gestern die Straßen weiträumig abgesperrt. Die Budapester Straße ist während des gesamten Staatsbesuches abgeriegelt. Nach dem ersten Gespräch am Vormittag mit Angela Merkel im Interconti wurde schon gegen 10.30 Uhr Hofjägerallee, Klingelhöferstraße, An der Urania und die Uferstraße gesperrt. Nicht einmal Fahrräder oder Fußgänger kamen durch. "Da waren Putin und Clinton nichts dagegen", sagte gegen 11 Uhr ein Polizist am Lützowplatz. Fragen von Passanten und Autofahrern, wann es weitergehe, beantwortete der Polizist immer wieder mit dem Satz "Vor einer Viertelstunde habe ich gesagt, dass es in einer Viertelstunde wieder weitergeht, das gilt immer noch. Im Park sind noch Bänke frei, machen sie es sich bequem."

Doch nicht jeder der eingesetzten 4000 Polizisten hatte so viel Humor. Sekunden später griff sich ein Trupp Polizisten sechs iranisch aussehende Jugendliche aus der Menge. Sie wurden gegen 11 Uhr in Richtung Lützowplatz weggeführt. Später stürzten sich zwei Polizisten im Kampfanzug an der Nationalgalerie auf eine ältere Frau, die ein Kopftuch trug - die Kolonne näherte sich.

Gegen 11.15 Uhr raste die Kolonne Chatamis vom Interconti am Lützowufer über die völlig leeren Fahrbahnen und die Herkulesbrücke zum Verteidigungsministerium - und zwar entgegen der Fahrtrichtung über das Reichpietschufer. Die Kolonne bestand aus etwa 20 Mannschaftswagen der Polizei, 12 Polizeimotorrädern, zehn zivilen Polizeibussen und etwa fünf gepanzerten Limousinen. Hinter dem Wagen des Präsidenten fuhr ein Bus mit einem Scharfschützen in einer Dachluke.

Chatami flog dann gegen 11.30 Uhr mit einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutz zum Roten Rathaus. Eingesetzt werden die drei "VIP"-Maschinen des BGS. Die so genannten "Super-Pumas" vom Typ AS 332 haben innen Sessel mit Samtüberzug und eine elegante Verkleidung. Die maximal 310 Kilometer schnelle Super-Puma kann 17 Passagiere aufnehmen. Stationiert sind sie in Blumberg bei Berlin.

Auskunft über die Art und Weise der Präsidenten-Fortbewegung gab gestern offiziell keine Behörde. Im Bundespresseamt ließ sich eine Sprecherin zu dem Satz hinreißen, "ich werde den Teufel tun und irgend etwas sagen". Chatami rangiert in der Gefährdungsstufe noch über Clinton.

Deshalb fliegt er auch meist. Für Berlins Auto- und Busfahrer ist das aber keine Erleichterung. Denn die Fahrzeugkolonne Chatamis passt nicht mit in den Hubschrauber, und die Polizei sperrte die Straßen bei Durchfahrten frühzeitiger und weiträumiger als bei Putin oder Clinton. Beim Pfingstgipgel mit Clinton waren "nur" 2500 Polizisten eingesetzt. Die BVG-Leitstelle berichtete gestern von chaotischen Zuständen und Verspätungen bis zu einer Stunde. Heute früh um 9 Uhr fliegt Chatami nach Weimar.

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