Berlin : Staatsbesuch in Kreuzberg

Klaus Wowereit zeigt dem brandenburgischen Kollegen und Parteifreund Matthias Platzeck den Mariannenplatz und einige Vorzeigeprojekte im Kiez

Ulrich Zawatka-Gerlach

Der Mariannenplatz in Kreuzberg. Das ist doch etwas anderes als das Biosphärenreservat Schorfheide, wo der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit im Sommer 2005 eine Rundfahrt machte und den brandenburgischen Amtskollegen Matthias Platzeck zum Gegenbesuch nach Berlin einlud. Am Montag ist es soweit. Beide stehen am Feuerwehr-Brunnen mitten im Kiez, umringt von neugierigen Anwohnern und Aktivisten des Quartiermanagaments. Ein „Dorfplatz“ soll hier entstehen, die Beete sehen schmuck aus. „Früher lag hier überall Müll“, sagt eine Frau.

Es sei auch gelungen, Migrantenfamilien einzubeziehen, wird den Regierungschefs stolz erzählt. Dann diskutiert Wowereit mit Eltern, die schwarze Ballons fliegen lassen, Flugblätter verteilen und dagegen protestieren, dass in der nahen Nürting-Grundschule keine dritte Montessori-Klasse aufgemacht werden darf. „Frau Bürgermeisterin, kommen Sie mal her“, zitiert der Regierende die Bezirkschefin Cornelia Reinauer. Die Argumente wogen hin und her, dann verspricht Wowereit, sich „beim Schulsenator zu erkundigen, was der Hintergrund ist“.

Hier, am multikulturellen Mariannenplatz, verlieren Platzeck und Wowereit auch ein paar Worte zur Diskussion um No-Go-Areas und Integrationsprobleme. „Wir verniedlichen nichts, wir verleugnen nichts“, sagt der Mann aus Potsdam. Es gebe immer noch ein erhebliches Potenzial rechtsradikaler Gewalt, auch in Brandenburg. Diverse Programme dagegen zeigten allmählich Erfolg. Zum Beispiel in Rheinsberg oder Potsdam. „Wir müssen von der Repression zur Prävention übergehen“, sagt Platzeck und er hält nichts davon, „bestimmte Gebiete pauschal in die Tonne zu treten“. Auch Wowereit hält den Begriff der No-Go-Areas für falsch. „Wir dürfen nicht zulassen, dass es Gebiete gibt, wo man sich nicht mehr hintraut.“ Ganz egal, ob dort Rowdys oder Rechtsradikale ihr Unwesen trieben. Das sei auch keine Imagefrage. Der Regierende will nicht, „dass die Debatte nach der Fußball-WM wieder beendet wird“. Gegen Menschenfeindlichkeit müssten alle aufstehen. Demokratie müsse wehrhaft sein. Es handele sich auch nicht um ein typisch ostdeutsches Problem. Dann wendet sich Wowereit der älteren Frau neben sich zu, die radebrechend versucht, ihm das Leben in Kreuzberg zu erklären. „Machen Sie ruhig mal einen Deutschkurs“, rät er freundlich. „Ich bin zu alt“, sagt sie. „Man ist nie zu alt“, sagt er.

Zuvor haben Platzeck und Wowereit die Hunsrück-Grundschule in der Manteuffelstraße besucht. Eine schmucke Gesamtschule mit Vorzeigecharakter und munteren Kindern, die Autogramme haben wollen und mit den Politikern Memory spielen. Ein anderes Musterprojekt, das Platzeck sehen darf, ist die Firma Holmberg, die unter anderem für 200 Fluggesellschaften Bordtelefone baut. Zwischendurch treffen sie, am Paul-Lincke-Ufer, die schöne Rosenkönigin aus Forst, die zum Brandenburg-Tag am 2. September einlädt. „Küssen“, fordern die Fotografen Platzeck und Wowereit auf. „Nein, ich küsse nicht“, lacht der Regierende.

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