Berlin : Staatsmann auf Bewährung

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Von Lars von Törne, Melbourne

Beim Mittagessen im Restaurant des australischen Parlaments war es das erste Mal zu merken. Ein Detail nur, aber eines mit Symbolkraft. Der deutsch-australische Freundeskreis der Abgeordneten hatte Klaus Wowereit und seine Delegation zum Lunch eingeladen. Eine von einem Dutzend Begegnungen im Laufe der heute endenden Australienreise des Bundesratspräsidenten und Regierenden Bürgermeisters Wowereit, bei denen freundliche Worte gewechselt und die guten Beziehungen zwischen beiden Ländern gelobt wurden. Aber diesmal war etwas anders.

Während der ersten drei Tage hatte Klaus Wowereit bei derartigen offiziellen Gesprächen immer nur die Begrüßungsworte auf Englisch gesprochen. Danach hatte er stets, aus Unsicherheit und fehlender Routine, auf Deutsch weitergeredet und seine Dolmetscherin übersetzen lassen. Das wirkte immer ein wenig provinziell: Der Bundesratspräsident, immerhin einer der ranghöchsten Vertreter der Bundesrepublik Deutschland, spricht noch nicht mal genug Englisch für eine Tischrede?

Bei jenem Essen jedoch, am vierten Tag seiner Australienreise, schaltete Wowereit nach den üblichen Begrüßungsformeln nicht wie sonst auf das vertraute Deutsch zurück. Sondern sprach wie selbstverständlich auf Englisch weiter. So wirkte er trotz seines begrenzten Wortschatzes auf einmal souveräner und staatsmännischer als in all den Tagen zuvor. Er hatte offenbar in seiner vorübergehenden Rolle als Außenpolitiker Tritt gefasst.

Gerade das Staatsmännische hatten ihm ja im Vorfeld der Reise viele Kritiker abgesprochen. Seine Absicht, während des Besuchs von US-Präsident Bush nicht in der Stadt, sondern auf der anderen Seite des Globus zu weilen, sahen manche als Indiz für die überhebliche Provinzialität des Regierungschefs. In Australien war der Streit jedoch schnell in weite Ferne gerückt. Ungeachtet sprachlicher Barrieren präsentierte sich Wowereit bei den offiziellen Terminen in Sydney, Canberra und Melbourne manchmal so locker, dass die eher britisch geprägten Politiker des Landes gelegentlich ziemlich überrascht schauten.

Zuweilen schien es, er probiere das richtige Verhältnis zwischen staatstragendem Ernst und hemdsärmeliger Entspanntheit nach dem Trial-an-Error-Prinzip aus. Beim Essen mit dem Parlamentsabgeordneten Kerry Bartlett zum Beispiel überreicht er seinem Gast erst eine offizielle Geschenk-Medaille des Bundesrates. Dann flachst er salopp: „Was Sie damit anfangen sollen, weiß ich auch nicht.“ Das gehe ihm selbst mit offiziellen Geschenken ähnlich - so auch mit der Kristallschale, die ihm George W. und Laura Bush nach ihrem Besuch vergangene Woche vermacht haben.

Und als bei einem Arbeitsfrühstück mit australischen Unternehmern ein Manager wissen will, welche Sprache man in Deutschland hauptsächlich lerne, antwortet Wowereit trocken: „German". Ansonsten zeigte sich der Regierende aber meist von seiner souveränen, diplomatischen Seite. Großes Lob bekam er dafür am Schluss von der Botschaft: So einen rundherum gelungenen Besuch habe man hier selten erlebt, sagte ein Mitarbeiter. Die durchgehend positive Reaktion der australischen Gesprächspartner auf die Delegation aus Berlin mache Wowereits Besuch aus diplomatischer Sicht zu einem „ganz außerordentlichen Erfolg".

Auch wenn er offiziell als Präsident des Bundesrates angereist war: Im Kopf hatte Klaus Wowereit in dieser Woche vor allem Berlin. Bei jeder Gelegenheit schwärmte er von seiner Stadt, lud seine australischen Gesprächspartner zu Besuchen ein und warb um Investitionen, Schul- und Hochschulpartnerschaften und für den kulturellen Austausch mit australischen Großstädten.

Auch plante er zusammen mit Premierminister John Howard das Kulturprogramm für dessen im Juli anstehenden Staatsbesuch in Berlin. Kurz vor dem Abschluss der Reise zeigte sich der Regierende Bürgermeister am Mittwoch zufrieden mit seinem Ausflug in die Außenpolitik. „Es gibt in Australien ein großes Bedürfnis, den Kontakt mit Deutschland zu vertiefen“, habe er festgestellt. Auch hätten mehrere Unternehmer angekündigt, nach dem Arbeitsfrühstück mit Wowereit bald einmal in Berlin vorbeizuschauen, um über mögliche Investitionen zu sprechen. Mit dabei ist nach Angaben des Chefs der Berliner Wirtschaftsförderung, Hans Estermann, auch der Chef des großen australischen Recycling- und Informationstechnik-Konzerns Brambles, Sir C.K.

Greifbare Ergebnisse mit nach Hause zu bringen, ist nach Wowereits Worten allerdings nie das Ziel der Reise gewesen - deren Kosten für Wowereit und den Vize-Bundesratsdirektor Wolfgang Fischer übrigens die Australier zahlen: „Es ging um die Pflege der Beziehungen.“ Eine Zukunft als Außenpolitiker sieht Wowereit für sich indes nicht - auch wenn ihm die Rolle des internationalen Staatsmannes ganz offensichtlich gefällt. Als Regierender Bürgermeister habe er genug Gelegenheiten zur internationalen Kontaktpflege, sagt er. Auch habe er keine Absicht, eines Tages für ein weiteres Jahr Bundesratspräsident zu werden: „Dann müsste ich ja mindestens 16 Jahre Regierender Bürgermeister bleiben - das will ich aber gar nicht.“

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