Staatsoper : Das rechte Maß

Als Kostümdirektorin muss Birgit Wentsch drei Welten verbinden: Bühne, Handwerk, Management.

Susanne Leimstoll

Ein bisschen enttäuschend ist das ja für den Laien. Kostümdirektorin, eine solche Person sieht man mit Gewandmeistern an Schnitten fingern, mit Schneiderinnen an Stoffen zupfen, ein Kostümbild entwerfen oder Darsteller an umständliche Barockgewänder gewöhnen. Handwerk, denkt man, himmlisch. Immerzu in Stoffen wühlen, in Entwürfen schwelgen, herrlich. Und dann das. „Ich habe eher eine Management- und Kontrollfunktion“, sagt Birgit Wentsch, erst seit drei Monaten Leiterin der Kostümabteilung an der Staatsoper. Wenn sie beschreibt, was ihren Job ausmacht, kommen Vokabeln vor wie Budget oder Verwaltung. „Ich bin ein Regulativ“, erklärt sie. Ach je. Doch dann fällt das entscheidende Wort, das ihrer Aufgabe Seele verleiht: Teamwork.

Birgit Wentschs Job fordert beides: Kunstsinn und administratives Talent. In der Repertoireschneiderei, wo Schneiderinnen und Gewandmeisterinnen blitzschnell Kostüme für Umbesetzungen oder wieder aufgenommene Inszenierungen mit neuen Darstellern ändern, wo die paillettenbesetzte Tüll-Lage in Minuten ans Tutu muss, weil um zwölf Probe ist und jetzt ist es schon elf, wo der Kimono an die Silhouette der plötzlich gewichtsreduzierten Madame Butterfly angepasst wird, dort harmonieren Birgit Wentschs ambivalentes Talent und ihre Persönlichkeit. Hose und Blazer, aber ein keckes Jabot am Busen. Klarer Bob im brünetten Haar, aber ein paar Wellen über der Stirn. Korrekter Look, aber ein Hang zu verspielter Maßkonfektion. Kerzengerade die Haltung, den Schlüsselbund fest in der Hand, nicht zu verbindlich und auch nicht nur Supervisor.

Das mag einen einfachen Grund haben. Wer die Kostümdirektion übernimmt, hat normalerweise alle anderen Stationen schon durch. Birgit Wentsch, 43, Schwarzwaldmädel aus dem württembergischen Bad Teinach, hat sich nach der Schneiderlehre vorangearbeitet: In den Achtzigern in Kostümschneidereien an Berliner Theatern, Meisterschule in Hamburg, dort Anfang der Neunziger im gefragten Metier der Herrengewandmeisterin an der Staatsoper, stellvertretende Leiterin der Kostümabteilung am Berliner Ensemble. Sie entwirft Kostüme für Oper, Film und Tanztheater. Sie arbeitet für die Bayreuther Festspiele. 2001 wird sie Kostümdirektorin an der Deutschen Oper am Rhein. Da ist Birgit Wentsch angekommen in ihrer jetzigen Funktion.

Sie sitzt am Schreibtisch im hohen Büro eines renovierten Traktes an der Stirnseite des Staatsoper-Intendanzgebäudes, Beine übereinandergeschlagen, vor sich frisch aufgegossenen Lavendeltee. „Man erarbeitet sich einen gewissen Ruf“, sagt sie mit ruhiger Stimme. Worauf kommt es in ihrer Stellung an? „Auf hohes künstlerisches Verständnis und die Gabe zur Personenführung.“ Die Fähigkeit, die Kopfgeburten von Kostümbildnern umzusetzen, zu einem machbaren Budget. Sensibel die Schnittführung zu begleiten, die Auswahl der Stoffe, die Anproben, die Maske. Schlau um Kosten zu schachern mit dem zentralen Bühnenservice, der Kulissen wie Kostüme für diverse Berliner Häuser fertigt. Ihre Abteilung sind Repertoireschneiderei, vier Assistentinnen, Fundusverwaltung, 18 Ankleider, 18 Angestellte der Maske. Sie entscheidet, welche Assistenten mit welchen Kostümbildnern arbeiten. „Die Chemie muss stimmen“, sagt sie. „Kostümbildner sind Künstler.“

Den Job gönnt sie sich ein Mal im Jahr. Da macht sie anderswo Kostümbild, jetzt für die „Manon“ von Regisseur Giancarlo del Monaco in Leipzig – neben sechs bis acht Neuinszenierungen, Wiederaufnahmen und zwei Balletten pro Spielzeit, an Wochenenden oder spät abends, daheim in Kreuzberg. Dort lebt sie beim vierten Aufenthalt in ihrer favorisierten Wahlheimat Berlin. Der Schwarzwald haftet als Souvenir im Büro: Am Safe mit dem Geld für den Einkauf kleben vier Spielzeug-Kuckucksuhren. Susanne Leimstoll

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben